Ausgabe September 2014

Finanzkapitalismus als Beutesystem

Der Neoliberalismus und die Aktualität des Racket-Begriffs

Explodierende Kapitalgewinne bei steigender Massenarmut, prekäre Arbeitsverhältnisse bis hin zur Sklavenarbeit: Die klassenpolitischen Folgen des Shareholder-Value-Kapitalismus sind spätestens seit Beginn der Finanzkrise vor sechs Jahren[1] offensichtlich. Dennoch fehlt es der kritischen Sozialwissenschaft an einem Begriff, der soziale Ungleichheit kohärent thematisiert und zugleich die neuen Elitenstrukturen im globalisierten Kapitalismus adäquat erfasst. Zwar hat die Klassenanalyse keine Probleme, die „Verlierer“ der aktuellen Politik zu benennen, aber vor der theoretischen Eingrenzung der „Gewinner“ kapituliert sie nach wie vor.

Diese Leerstelle hat eine lange Tradition: Bereits Max Horkheimer und Theodor W. Adorno hatten erkennen müssen, dass die Aussagekraft des Klassenbegriffs an seine Grenzen stößt. Die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten bildete für sie die Zäsur in ihrer Theoriebildung. Am Ende stand der Abschied von einer zwangsläufig zum Klassenkampf führenden Entwicklungslogik. Adorno konstatierte: „Der Unterschied von Ausbeutern und Ausgebeuteten tritt nicht so in Erscheinung, dass er den Ausgebeuteten Solidarität als ihre ultima ratio vor Augen stellte: Konformität ist ihnen rationaler. Die Zugehörigkeit zur gleichen Klasse setzt längst nicht in Gleichheit des Interesses und der Aktion sich um.

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