Ausgabe April 2020

Christchurch, Halle, Hanau: Vom Online-Hass zum rechten Terror

Trump-Pepe mit Gewehr

Bild: The Morris

Am 19. Februar 2020 werden Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kalojan Velkov, Vili Viorel Păun und Fatik Saraçoğlu getötet – erschossen, weil der Mörder sie für Muslime, für nicht deutsch gehalten hatte.

Der Täter von Hanau paarte seine Wahnvorstellungen mit einem zutiefst rassistischen Denken: Er schrieb und sprach im Internet von „Rassen“ und Kulturen, die zu eliminieren seien, von Volksgruppen, deren Existenz ein grundsätzlicher Fehler sei. Diese Überzeugung setzte er letztlich in die Tat um. Seine Verschwörungstheorien gaben ihm dabei Halt und die Gewissheit, das Richtige zu tun.[1] Und auch wenn zum jetzigen Zeitpunkt nicht klar ist, ob und inwiefern der Täter mit anderen Personen in Kontakt stand und in welchen Communities er sich online bewegte, so zeigt auch der Anschlag von Hanau: Verbinden sich Rassismus und Verschwörungstheorien, entsteht ein wirkmächtiges Weltbild, das aus Redenden und Schreibenden auch Handelnde zu machen vermag. Nach einer Welle rechten Terrors in den vergangenen Monaten ist auch in Deutschland das Bewusstsein gewachsen, dass Netzkulturen zur rechten Mobilmachung und Radikalisierung beitragen. Und dass diese Wechselwirkung zwischen Netzkulturen und rechtsextremer Ideologie Folgen hat – nicht selten tödliche.

In besonders eindringlicher Weise belegt dies das 35minütige Video, das der Attentäter von Halle am 9. Oktober 2019 live ins Internet gestreamt hat. „Hi, mein Name ist Anon, ich glaube, dass es den Holocaust nie gegeben hat“, stellt sich der junge Mann vor. Er scheint zu lächeln, obwohl ihm der Schweiß im Gesicht steht. „Feminismus ist der Grund für die sinkenden Geburtenraten im Westen“, fährt er fort. Der Westen sei der Sündenbock für die weltweite Massenmigration. „Und die Wurzel all dieser Probleme ist der Jude.“ Dann rotiert die Kamera, die an seinem Helm befestigt ist – von jetzt an sieht das Publikum, was „Anon“ sieht. Man wird darauf sehen, wie er versucht, in die Synagoge einzudringen, um dort am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, ein Massaker anzurichten. Man wird sehen, wie er mit seinen selbst gebauten Waffen an der Tür scheitert und daraufhin eine Passantin erschießt. Man wird dabei sein, wie er sich auf die Suche nach neuen Opfern macht und einen Gast in einem Dönerladen hinrichtet. Man wird hören, wie er all das kommentiert, wie er flucht und mit seinem Publikum die nächsten Schritte zu besprechen scheint. Der Terror von Halle sollte eine Kopie des Massakers werden, das wenige Monate zuvor im neuseeländischen Christchurch 51 Menschen das Leben gekostet hatte. Damit steht der Anschlag in einer Reihe mit anderen Taten des Jahres 2019, die an verschiedenen Orten der Welt stattfanden. Sie alle verbindet, dass eine bestimmte Internetkultur sie ermöglicht hat.

Der 15. März 2019: Christchurch und West Virginia

März 2019, irgendwo in West Virginia, USA. Ein anderer junger Mann spricht in eine Kamera. Doch dieser hier ist besorgt: „This is getting out of hand“, sagt er eindringlich. Das gerät hier alles außer Kontrolle. Caleb Cain, Amerikaner, Mitte 20, hat sich entschlossen, in einem YouTube-Video zu erklären, warum er sich von der sogenannten Alt-Right, der „alternativen Rechten“ in den USA, habe verschlingen lassen. Er sitzt in seiner Wohnung, ist sichtlich aufgeregt. „Mein Abstieg in die Pipeline der Alt-Right“ heißt sein Video, in dem er in knapp 40 Minuten seine Geschichte erzählt: Wie er aus dem College ausschied, wieder bei seinen Eltern einzog und darüber in Depressionen versank. Wie er sich in seinem Zimmer vergrub und durchs Netz surfte – auf der Suche nach Identität. „Ich wollte stark sein und Macht haben“, sagt Cain. Auf YouTube stößt er – wie so viele – irgendwann auf rechte Kanäle, saugt deren Videos auf, taucht immer tiefer ein in eine Welt aus Verschwörungstheorien, Rassismus und Homophobie. Innerhalb kurzer Zeit radikalisiert er sich. Seine Scherze über Minderheiten sind irgendwann keine Scherze mehr. Drei Jahre verbringt Caleb Cain im rechten Netz. Dann kommt der 15. März 2019 – der Tag, an dem er beschließt, dass sich etwas ändern muss, dass er sein Schweigen brechen wird.

Es ist ebenjener Freitag, an dem ein Terrorist in zwei neuseeländischen Moscheen 51 Menschen hinrichtet. Seine Tat kündigt er etwa eine halbe Stunde vorher im Internet an. In einem Forum namens 8chan schreibt er, dass es an der Zeit sei, aufzuhören mit dem „Shitposting“. Zeit für eine echte Aktion. Auch Caleb Cain ist in diesem Forum unterwegs. Es ist einer der wichtigsten Treffpunkte einer Szene, die als Alt-Right bezeichnet wird. Als er mit eigenen Augen sieht, wie aus dieser Community ein Anschlag entspringt und wie der Täter für den Massenmord gefeiert wird, beginnt er zu verstehen, an welcher Welt er all die Jahre mitgebaut hat. 4chan und 8chan, diese größtenteils unmoderierten Foren, gelten als Schmuddelecke des Netzes. Hier stehen Rassismus, Pornografie und dumme Witze nebeneinander. Schon immer. Dass nun eines dieser vermeintlichen Schmuddelkinder Ernst gemacht hat, schockiert und überrascht viele gleichermaßen. Wie konnte es nur dazu kommen?

Zum Zeitpunkt des Attentats hat die Onlinekultur, die sich auf 8chan versammelt, bereits einen jahrelangen Prozess der Politisierung und Radikalisierung hinter sich. Der Terroranschlag in Christchurch ist auf mehrfache Weise der vorläufige tragische Höhepunkt dieser Entwicklung. Denn wie sich zeigen wird, ist Christchurch zwar die verheerendste, nicht aber die erste Tat, die diesem Umfeld entspringt. Die chans, also verschiedene anonyme Foren, wurden lange als apolitische Räume belächelt, in denen Nerds und Freaks ihren kruden Humor und ihre Fetische ausleben. Mitunter werden sie mit dem Darknet verwechselt, jenem Teil des Internets, der nur über eine bestimmte Software zugänglich ist und in dem von Auftragsmorden über Waffen bis zu Drogen alles erhältlich ist. Die chans aber sind gewöhnlich aufrufbare Webseiten.

4chan – Längst kein apolitischer Raum mehr

Dabei ist vor allem 4chan einer der einflussreichsten Produzenten von Onlinekultur. Bilder, Witze, Memes, die wir von YouTube oder Facebook kennen, haben oftmals hier ihren Ursprung. Die chans sind sogenannte Imageboards. Auf ihnen werden Bilder gepostet, die dann von anderen verbreitet, verändert und mit anderen Botschaften versehen werden – Memes entstehen. Dabei handelt es sich um Wort- und Bildzitate, die aufgegriffen und in einen neuen Kontext gesetzt werden. Das Wort „Meme“ erinnert englisch ausgesprochen an das Worte „Gene“ für Gen und ist dem griechischen Wort für Imitieren entlehnt. Es ist also etwas, das sich durch Nachahmung immer weiter und weiter vererbt. Theoretisch kann das alles sein: Lieder, Gesten, Geschichten oder eben Bilder, die mit einem neuen Text versehen oder in einem ganz anderen Zusammenhang verwendet werden.

Auf Imageboards wie 4chan oder 8chan geht es lange vor allem darum, lustige Bilder zu posten und die besten Memes zu erfinden, die von anderen geteilt und verbreitet werden. Oftmals ist das witzig, nicht selten aber auch anstößig, rassistisch, frauenfeindlich.

Die Geschichte von 4chan beginnt relativ harmlos. Inspiriert von einem anonymen japanischen Textboard namens 2chan, gründet der damals 15jährige Amerikaner Christopher Poole es im Jahr 2003. Die Nutzer*innen tauschen sich vor allem über Anime und Mangas, asiatische Comics, aus. Sogenannte Original Posters, kurz OPs, verfassen einen Beitrag zu einem Aspekt, der sie interessiert, und fügen ein Bild an; andere Nutzer*innen können Kommentare hinterlassen oder eigene Bilder hochladen. All das passiert anonym und führt dazu, dass das Forum begeistert aufgenommen wird und schnell wächst. Andere Themen kommen hinzu, es werden neue Unterforen gebildet, sogenannte Boards. Heute ist 4chan eine viel besuchte Website und unterhält 70 Boards zu den unterschiedlichsten Themen wie Waffen, Fotografie, Fashion, Videospiele oder Pornographie. Dem Betreiber zufolge besuchen monatlich 27,7 Millionen Menschen die Plattform. Pro Tag werden zwischen 900 000 und einer Million Posts erstellt. Zum Vergleich: Die Website des „Spiegel“ hat als meistgelesene Nachrichtenseite in Deutschland im Jahr 2019 knapp 23 Millionen Besucher*innen im Monat.

Ein Hort des Antifeminismus, Rassismus und Antisemitismus

Doch mit der Bekanntheit wächst auch der Hass im Forum. Vor allem das Board /new/, auf dem aktuelle Geschehnisse debattiert werden können, driftet bald in rassistische und antisemitische Diskussionen ab; aber auch in anderen Teilen 4chans ist die Atmosphäre vergiftet, etwa im Board /b/ für gemischte Themen. Weil es zur Philosophie von 4chan gehört, für radikale freie Meinungsäußerung einzutreten, wird nichts gelöscht, was nicht gegen US-Gesetze verstößt. Es muss also ein anderer Weg gefunden werden, wenn das Forum normale Nutzer*innen (und natürlich Werbekund*innen) nicht verschrecken soll. Gründer Poole entscheidet sich, den Hass zu kanalisieren, und gründet 2011 ein neues Board mit dem Namen /pol/, das zur bekanntesten und berüchtigtsten Abteilung der Website wird. Schnell sammeln sich hier Leute, die, wie die Journalistin Talia Lavin es ausdrückte, „das N-Wort offen sagen wollen, die Feminist*innen dämonisieren und glauben, es gäbe einen teuflischen jüdischen Einfluss“. Kurz: Im Schatten der Anonymität und im Schutze der freien Rede wird /pol/ – das nicht etwa für „politics“ steht, sondern für „politically incorrect“ – zu einem Hort des konzentrierten Antifeminismus, Rassismus, Antisemitismus und der Verherrlichung des Nationalsozialismus. Laut der amerikanischen NGO Southern Poverty Law Center sind die Unterhaltungen auf /pol/ vom rassistischen Überlegenheitsdenken einer „weißen Rasse“ geprägt.

Der Versuch Pooles, den Hass auf 4chan zu kontrollieren, scheitert. Der Hass wird nicht weniger, er konzentriert sich nur. 2013 folgen weitere Einschränkungen, wie die Einführung sogenannter Hausmeister und anderer Moderationstools, die die Schimpftiraden im Forum kontrollieren sollen. Der Begründer der einstigen Bastion der unbeschränkten freien Rede, bestehe sie auch aus Beleidigungen, Drohungen und Menschenfeindlichkeit, lenkt ein. Und obwohl das nicht bedeutet, dass solche Inhalte damit endgültig von 4chan verbannt wären, so führt Poole Wege ein, Diskussionen zumindest theoretisch zu regulieren – eine Entscheidung, die so etwas wie den kleinen, noch böseren Bruder 4chans hervorbringen wird. Als Reaktion auf die neuen Regeln gründet der damals 19jährige US-Amerikaner Fredrick Brennan im Oktober 2013 das funktionsgleiche 8chan. „Willkommen auf 8chan, die dunkelste Gegend im Internet“, heißt es auf der Startseite. Hier also soll von nun an die „wahre“ Meinungsfreiheit gelten. Doch die Zugriffszahlen bleiben lange niedrig, der große Bruder 4chan bleibt die erste Anlaufstelle für grenzüberschreitende Inhalte aller Art.

Viele chan-Nutzer*innen haben eine diebische Freude daran, mit besonders derben, rassistischen und frauenfeindlichen Witzen gesellschaftliche Normen zu verletzen. Ein Argument, das man in diesem Umfeld häufig hört: Es sind doch nur ein paar härtere Scherze in einem Internetforum. Was ist schon dabei? Tatsächlich zeigt sich bereits damals, wie die Kultur der chans sich und ihre Mitglieder schrittweise radikalisiert.

Und der Hass bleibt nicht im Internet. Insbesondere in der Geschichte von 4chan gibt es eine Reihe von Vorfällen, die zeigen, wie aus dem vermeintlichen Online-Spaß echter Offline-Hass wird.

Der Ort, an dem Attentäter verehrt werden

2006 werden für mehrere US-Bundesstaaten Bombendrohungen auf 4chan gepostet: Am letzten Tag des muslimischen Fastenmonats Ramadan sollen in mehreren Footballstadien Sprengsätze explodieren. Die Spiele können nur unter extremen Sicherheitskontrollen stattfinden. Später stellt sich alles als „Scherz“ heraus. Der Täter gibt zu Protokoll, dass er nicht davon ausgegangen sei, dass jemand seine Posts ernst nehme, da er selbst nichts von dem glaube, was bei 4chan gepostet würde. Im Dezember 2008 wird ein 20jähriger Australier festgenommen, nachdem er im Forum geschrieben hatte, so viele Menschen wie möglich töten zu wollen. Im Februar 2009 wird eine Schule in Schweden evakuiert, nachdem „aus Spaß“ auf 4chan ein „Shooting“ angedroht worden war.

Doch es bleibt nicht bei makabren Scherzen: Im November 2014 erscheinen bei 4chan mehrere Bilder des Leichnams einer erdrosselten Frau. Dazu der Text: „Habe festgestellt, dass es viel schwieriger ist, jemanden zu erwürgen, als es in Filmen aussieht.“ Und weiter: „Checkt in ein paar Stunden die Nachrichten für Port Orchard, Washington.“ Tatsächlich findet die Polizei eine Leiche, der Täter wird später zu 82 Jahren Haft verurteilt. Hinzu kommen unzählige Hackerangriffe, die im Forum vorbereitet und geplant werden, Nutzer*innen veröffentlichen private Daten und Adressen von willkürlich ausgewählten Menschen oder verbreiten gestohlene Nacktbilder Dutzender prominenter Schauspielerinnen. Die Liste verbaler und nonverbaler Gewalttaten auf 4chan ist lang.

Besonders das Spiel mit Nazisymbolen aller Art erfreut sich großer Beliebtheit. 2008 schaffen es die 4channer, die Google-Liste der meistgesuchten Begriffe so zu manipulieren, dass ganz oben eine Swastika erscheint. Das mag man noch als dummen Scherz auffassen – die Nutzer*innen hatten den HTML-Code für das Hakenkreuz schlicht unzählige Male gegoogelt und so an die Spitze der Liste gebracht. Neben zumindest in Deutschland verbotenen Symbolen sind es jedoch auch Attentäter und Massenmörder, die auf 4chan Interesse erregen. So kursiert dort eine Art Attentäter-Quartett, das die Bilder von 16 Attentätern bzw. Attentäter-Duos zeigt, denen je nach Anzahl der Opfer, unterschieden nach Erwachsenen und Kindern, Punkte zugewiesen werden. Zusatzpunkte gibt es für getötete Polizist*innen sowie anschließenden Selbstmord. Auf den ersten Blick erscheint die Auswahl willkürlich: Der Norweger Anders Breivik steht neben den Columbine-Attentätern, den Tsarnev-Brüdern, die das Bombenattentat 2013 in Boston zu verantworten haben, oder auch neben dem Piloten Andreas Lubitz, der mit einer vollbesetzten Germanwings-Maschine in den Alpen Selbstmord beging. Dieses „Spiel“ ist also zunächst einmal weniger eine politische Botschaft als vielmehr Ausdruck einer Faszination von Mord und Gewalt.

Doch schauen wir uns einige der in dem Quartett abgebildeten Massenmörder etwas genauer an, fallen mehrere Dinge auf: Da sind zum einen die beiden Schüler, die am 20. April 1999 in Columbine, Colorado, eines der wohl folgenreichsten Schulattentate verübten. Die Täter zeichnete nicht nur aus, dass sie starke psychische Probleme hatten, sondern auch, dass sie Gamer waren. Das Gleiche gilt für den Schützen, der am 14. Dezember 2012 in der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown, Connecticut, Kinder, Lehrende und seine Mutter ermordete. Im zwei Jahre später veröffentlichten Bericht heißt es, dass seine Computerspielsucht und das Abdriften in eine kleine Cyber-Community, die sein dunkles und obsessives Interesse für Massenmorde teilte, die Tat begünstigten.

Auch Tim Kretschmer, der am 11. März 2009 in seiner Schule 15 Menschen erschoss, findet sich im Attentäter-Quartett. Der Amoklauf von Winnenden löste eine lautstarke Debatte über „Killerspiele“ aus, denn auch dieser Täter war ein leidenschaftlicher Gamer. Häufig wurde beklagt, die Gewaltdarstellung in den Spielen mache junge Menschen aggressiv und in letzter Instanz womöglich zu „Killern“. Dieses sehr einfache Reiz-Reaktions-Argument führt in die Irre – ein Spiel allein macht niemanden zum Mörder. World of Warcraft, ein sehr beliebtes Spiel in der Szene, ist beispielsweise, was die Darstellung von Gewalt angeht, ein relativ harmloses Online-Rollenspiel. Und mit Minecraft nimmt ein Kreativität verlangender Bausimulator einen wichtigen Platz ein. Weitaus wichtiger als das einzelne Spiel ist die umgebende Gamerkultur. Viele der im Quartett Gefeierten identifizierten sich stark mit dieser Szene: Einer der Columbine-Schützen gestaltete eigene Welten für einen Ego-Shooter, der Sandy-Hook-Attentäter war so süchtig nach einem Spielautomaten, dass der Betreiber der Spielhalle den Stecker ziehen musste, um ihn zum Gehen zu bewegen, und auch der Winnenden-Täter war leidenschaftlicher Zocker.

Incels – der Krieg gegen Frauen und seine Folgen

Die Zielgruppe der Gamingindustrie ist noch immer und trotz gewisser Anstrengungen, auch Frauen zu erreichen, sehr männlich geprägt. In ihrer stark männlichen Beschaffenheit bringt sie zusehends Frauenfeindlichkeit hervor, und so ist es nicht ganz zufällig, dass viele der jungen Männer im Attentäter-Quartett nicht nur Gamer waren, sondern auch mutmaßliche Frauenhasser. Nach dem Amoklauf von Winnenden wurde vermutet, dass Frauenhass ein Motiv der Tat gewesen sein könnte. Elf der zwölf in der Schule erschossenen Jugendlichen waren Mädchen. Auch Elliot Rodger, der 2014 in Isla Vista, Kalifornien, sechs Menschen erschoss, und Marc Lépine, der 1989 in Montreal, Kanada, vierzehn Frauen tötete, begingen ihre jeweiligen Taten aus Antifeminismus und der Überzeugung heraus, von Frauen in ein unfreiwilliges Zölibat gezwungen worden zu sein. Beide finden sich ebenfalls im 4chan-Attentäter-Quartett. Diese Strömung von Männern, die Feministinnen speziell und Frauen allgemein für ihre sexuelle Inaktivität verantwortlich machen, bezeichnet sich selbst als „Incels“ (Involuntary Celibacy – unfreiwilliger Zölibat). Ursprünglich gegründet als Selbsthilfegruppe, um einsamen Männern etwas Selbstvertrauen und Zuspruch zu geben, hat sich die Bewegung inzwischen zu einer radikalen Männercommunity entwickelt, die offen ihren Frauenhass auslebt. Frauen sind für sie Stacys (attraktiv) oder Beckys (unattraktiv), während sich Männer in Chads, begehrenswerte Alphamänner, beziehungsweise schwache, unattraktive Beta-Männchen einteilen. Frauen werden in der Szene gerne als „Femoide“ bezeichnet – eine Wortschöpfung aus „female“ und „Humanoide“, also etwas Menschenähnlichem. Weil „Incels“ sich selbst für sexuell unattraktiv halten, versuchen einige, sich zu „maximieren“, machen Diäten, Sport, arbeiten an ihrer Ausstrahlung. Alles, um dem Inceldom, dem unfreiwillig zölibatären Leben, zu entkommen. Manche jedoch glauben, dass es nur eine Lösung für ihre Männerprobleme gibt: wahlweise sich selbst oder andere umzubringen.

Es ist diese krude Weltsicht, die Elliot Rodger 2014 in Isla Vista dazu bringt, sechs Menschen zu ermorden. Weil Mädchen ihn in der Vergangenheit unattraktiv gefunden und ihm den Geschlechtsverkehr versagt hätten, wolle er sich nun stellvertretend für alle Frauen an einigen rächen. In seinem Tatmanifest schreibt er, dass er alle Frauen in Konzentrationslager stecken und verhungern lassen wolle. Er selbst werde dabei auf einem hohen Turm sitzen und zusehen. Inzwischen ist Elliot Rodger ein Held der Imageboards, in unzähligen Posts wird er als Vorbild gefeiert. Im Quartett trägt er seinen Szene-Spitznamen „The Supreme Gentleman“. Vier Jahre nach ihm rast Alex Minassian in Toronto zehn Menschen tot. In einem Facebook-Post schreibt er und richtet sich dabei direkt an die 4chan-Community: „Die Incel-Rebellion hat begonnen! Wir werden alle Chads und Stacys besiegen! Heil dem Supreme Gentleman Elliot Rodger!“ Minuten später beginnt er seine Amokfahrt.

Für die Incel-Bewegung spielen 4chan und 8chan schon lange eine zentrale Rolle. Hier treffen sich „NEETs“ („Not in Education, Employment, or Training“), das heißt Menschen, die nicht in Ausbildung, Anstellung oder Praktikum sind, und beschweren sich über verpasste Lebenschancen, baden in Selbstmitleid und beklagen ihre Einsamkeit. Ein guter Nährboden für den Hass auf Frauen, die als Schuldige für diesen Umstand ausgemacht werden. In den Foren wird nicht nur der „Supreme Gentleman“ als Held verehrt, junge Männer kündigen hier auch ihre eigenen Gewalttaten an.

Am Abend bevor Christopher Harper-Mercer in Roseburg, Oregon, unter anderem aus Hass gegen Frauen neun andere Menschen ermorden wird, warnt er seine Brüder im Geiste bei 4chan: „Manche von euch sind ganz in Ordnung. Geht nicht zur Schule morgen, wenn ihr im Nordwesten lebt. Happening Thread wird morgen gepostet. Bis später.“ Der erste Kommentar darunter lautet: „Geht der Beta-Aufstand endlich los?“ „Beta-Aufstand“ ist ein anderer Begriff für die „Incel-Rebellion“, die der Täter von Toronto beschwor, oder für den „Krieg gegen Frauen“, den Elliot Rodger in Isla Vista führen wollte. All diese Täter stehen stellvertretend für eine Gruppe junger Männer, die in einer gewaltsamen Revolution gegen die „Welt der Frauen“ ihre Erlösung suchen. Rodger ist ihr Vorreiter. Dass er in der chan-Kultur verehrt wird, lässt Zweifel aufkommen an der These, dass es in den Foren um das harmlose, rein gedankliche Überschreiten kultureller Grenzen gehe. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass sich hinter dem rüden Humor, der in den Foren gepflegt wird, ein gefährliches Weltbild versteckt. Und dieses besteht nicht nur aus dem Selbstmitleid gewaltbereiter Junggesellen, sondern ebenso aus rassistischem und antisemitischem Denken. Oftmals geht das eine mit dem anderen einher.

Besonders der Fall William Atchisons, der angibt, von Elliot Rodger zu seinem Attentat in seiner ehemaligen Highschool inspiriert worden zu sein, zeigt, wie die Ressentiments verschmelzen. Schon 2016 erhält Atchison Besuch vom FBI, weil er in einem Gaming-Forum gefragt hatte, wo er sich ein Sturmgewehr besorgen könne. Auch im Zusammenhang mit dem Attentat in München am 22. Juli 2016 taucht Atchison auf: Dort erschießt der 18jährige Schüler David Sonboly neun Menschen in einem Einkaufszentrum und tötet sich danach selbst. Seine Opfer hielt er für Ausländer*innen, und für seine Tat wählte er den Jahrestag des Anschlags von Anders Breivik. Und doch erkennen die Behörden den Anschlag lange nicht als rechtsmotiviert an. Erst über drei Jahre später – Ende Oktober 2019 – folgen sie der Einschätzung der Gutachter.

David Sonboly, das stellt sich im Zuge der Ermittlungen heraus, tauscht sich vor seiner Tat in Onlineforen mit Atchison über Amokläufe aus. Den Ermittler*innen, sowohl den amerikanischen als auch den deutschen, wird diese Verbindung offenbar erst später bekannt, und Atchison wird trotz seiner Bemühungen, an eine Waffe zu gelangen, nicht festgenommen.

Atchison feiert die Tat seines deutschen Gesinnungsbruders in einer von ihm gegründeten Gruppe auf der Gamer-Plattform Steam, wo Nutzer sonst Spiele kaufen und sich miteinander vernetzen. Der Name von Atchisons Gruppe: „Anti-Refugee club“. Atchison ist überzeugter Troll und Sympathisant der Alt-Right. Er verfasst rassistische Posts auf YouTube und Steam, aber auch auf einschlägigen rechtsextremen Seiten wie Daily Stormer oder im /pol/-Board von 4chan. Es dauert nur etwas mehr als ein Jahr, bis er selbst zur Tat schreitet: Am 7. Dezember 2017 erschießt Atchison eine Schülerin und einen Schüler der Aztec High School in New Mexico. Danach tötet er sich selbst. Bei der Obduktion entdecken die Ermittler auf seinem Körper verschiedene aufgemalte Botschaften: ein Hakenkreuz und die Buchstaben SS, aber auch den Slogan „Build the Wall“, den die Anhänger*innen Trumps gern bei dessen Veranstaltungen rufen. Außerdem findet sich das Akronym AMOG, das für „Alpha Male Of the Group“ steht und unter Incels verwendet wird, um die stärksten Männer der Gruppe zu bezeichnen.

Unter jenen, die sich aus der Anonymität der chans in das Rampenlicht der Gewalt begeben haben, steht Atchison ganz besonders für eine Überlappung der chauvinistischen Ideologien, die für die chan-Kultur von heute charakteristisch sind.

Wer in rechtsextremen Foren unterwegs ist, wird einer Frage häufig begegnen: „Was war deine Red Pill?“ Der Begriff kommt aus dem Film Matrix, in dem die Hauptfigur Neo von Morpheus vor die Wahl gestellt wird: Willst du die Welt mit offenen Augen sehen, dann nimm die rote Pille. Sie bedeutet aber auch: Du führst ein Leben im Widerstand. Willst du weiter in einer Illusion leben, dann nimm die blaue. Der Moment des Redpillings ist also jener, in dem Menschen das wahre Wesen der Welt zu begreifen und der Scheinwelt des Establishments zu entkommen glauben.

»Was war deine Red Pill?«

4chan und artverwandte Seiten sind zu Red-Pill-Marktplätzen geworden. Neben der Incel-Rebellion, dem Aufstand der angeblich unterdrückten Männer, geht es nun auch um den Widerstand der Weißen, die Verteidigung der westlichen Zivilisation und die „Endlösung“ der „jüdischen Frage“. Ein Datenleck in US-amerikanischen rechtsextremen Foren von 2017 belegt diese Radikalisierung und zeigt unter anderem, was Rechtsextreme selbst als Grund für ihre Radikalisierung angeben. 75 solcher Redpilling-Berichte haben der Journalist Robert Evans und das Recherchenetzwerk Bellingcat in einem Datensatz, den das Medienkollektiv Unicorn Riot gesammelt hat, gefunden. Wirklich überraschend ist kaum einer. Denn sieht man mal von den vier Leuten ab, die einen LSD-Trip als Ursache ihrer „Erweckung“ angeben, bezieht sich die größte Gruppe auf: die chan-Foren. Der User „Drinkbleach“ etwa gibt an, im /pol/-Board auf ein Redpilling-Starterpack gestoßen zu sein. „Max“ schreibt, er sei auf das Forum gestoßen, weil er nach Hitler-Memes gesucht habe. Was er dort fand, habe ihm die Augen geöffnet. „Mole (NL)“ berichtet, dass ihm ein Freund 4chan empfohlen und ihn sogar noch gewarnt habe: „Komm bloß nicht in diese ‚Hitler tat nichts Falsches‘-Schiene!“ Die Selbstverständlichkeit, mit der Männer in diesen Foren die chan-Kultur als maßgeblich für ihre persönliche Radikalisierung angeben, spricht Bände.

In den chan-Foren gibt es eine eigene Sprache, Codes, die nur versteht, wer schon tief in der Szene ist, und die dazu dienen, sich nach außen abzugrenzen. Immer wieder tauchen beispielsweise Begriffe wie „die Kekosphäre“, „Kekismus“ oder einfach „Kek“ auf. Sie reichen aus, um zu signalisieren, welchen Weg man selbst gegangen ist: „Kek“ ist so etwas wie das Codewort für die Online-Welt der radikalen chan-Boards. Ursprünglich stammt es aus dem Computerspiel World of Warcraft. Dort gibt es zwei Spielerfraktionen, die nicht miteinander kommunizieren sollen. Tun sie es dennoch, wird ihre Konversation in Kauderwelsch übersetzt. „Kek“ ist in diesem System die Übersetzung für „lol“, ein Internetwort, mit dem Lachen ausgedrückt wird. Ein Ausspruch, der Lachen bedeuten soll, steht in den rechtsextremen Foren für das Eingangstor zur Alt-Right, zur Holocaust-Leugnung und zum Antisemitismus. Aus der Geschichte der chans heraus ergibt das durchaus Sinn. Was als schwarzer Humor begann, führte über Gamergate zur Alt-Right. Dass es Nutzer gibt, die angeben, in Diskussionen anfangs nur ironisch Nazi-Argumente verwendet oder sich aus Spaß antisemitisch geäußert zu haben, steht quasi symptomatisch für die Entwicklung, die diese Foren durchlaufen haben. Kek, das laute Auflachen, ist längst kein Spaß mehr. Es ist Symbol einer hochpolitisierten Ironiekultur geworden. Heute gibt es das Land „Kekistan“, eine Phantasienation, deren Flagge der deutschen Reichskriegsflagge nachempfunden ist. Das Rot wurde durch Grün ersetzt, das Hakenkreuz durch ein Kek-Palindrom und das Kreuz der Wehrmacht durch das 4chan-Logo. Inzwischen taucht diese Fahne auch außerhalb des Internets auf: auf Demonstrationen der radikalen Rechten in den USA – zum Beispiel bei der „Unite the Right Rally“ in Charlottesville, bei der eine Gegendemonstrantin von einem Neonazi getötet wurde, als dieser mit seinem Auto in die Menge fuhr. Die Kekistanfahne ist ein weiteres Beispiel für die gängige Argumentation der chan-Nutzer*innen. Darauf angesprochen, würden die meisten wohl antworten, dass die Flagge lediglich jene „Social Justice Warriors“ auf den Arm nehme, die den Verweis auf die Reichskriegsflagge erkennen. In bestimmten Foren aber bedeutet „Kekistan“ mehr. Dort stehen die Buchstaben als Abkürzung für „Kill Every Kike, Immediately Start The Aryan Nation“. Töte alle Juden, gründe sofort die arische Nation.

Es ist diese Doppeldeutigkeit, die die chan-Kultur kennzeichnet. Rechte nutzen sie bewusst, um zu provozieren. Doch tragen Symbole eben auch dann eine Bedeutung in sich, wenn sie ironisch gezeigt werden. Selbst wenn „Kekistan“ als Witz begann, ist es nun ein Symbol der Alt-Right. Das Praktische daran ist: Gegenüber Außenstehenden kann stets behauptet werden, es handle sich nur um einen Scherz. In der Gruppe aber werden diese Symbole selbstverständlich erkannt. Sie schaffen eine starke Abgrenzung nach außen und stärken das Gemeinschaftsgefühl. Sie erlauben es, mit dem Finger auf die anderen zu zeigen, auf die „Outsider“, die sich durch ihre Empörung quasi selbst als Feind markieren. Typische Embleme der Alt-Right sind oftmals inhaltlich offen, wie ebenjene Flagge, die auch von simplen Trollen benutzt wird. Auf diese Weise werden Memes ebenso von jenen weitergetragen, die sie vielleicht ganz anders kennen, meinen und verstehen.

Prominentestes Beispiel ist die Comicfigur „Pepe der Frosch“. Matt Furie erfindet sie schon 2005, seinen Durchbruch aber feiert der grüne Geselle erst 2015, als 4chan ihn für sich entdeckt und zu einem der größten Memes im Internet macht. Vor allem das Board /r9k/ ist wohl dafür verantwortlich, dass eine unschuldige Cartoonfigur zum Symbol der Alt-Right geworden ist. Die Anti Defamation League, eine Nichtregierungsorganisation, die sich dem Kampf gegen wie auch immer gearteten Hass verschrieben hat, führt ihn seit 2016 offiziell als rassistisches Symbol. Dabei wird er durchaus auch von nicht rechten Internetnutzer*innen verwendet. Doch die Assoziation der Comicfigur mit rassistischen Inhalten sorgt dafür, dass es zusehends schwieriger wird, sie als politisch neutral zu verstehen. Pepe ist ohne die Variationen in SS-Uniform oder als Grenzschützer an der mexikanischen Grenze nicht mehr zu denken. Auf diese Weise wird die Internetkultur bewusst für das Memetic Warfare, die Kriegsführung mit Memes, instrumentalisiert.

Nach dem Christchurch-Attentat dauert es nicht lange, bis Pepe in einem schwarzen Kampfanzug, mit Helm und dem rechtsradikalen Sonnenrad auf chan-Boards auftaucht. Mit der „Christchurch-Edition“ des Frosches wird dem rechtsradikalen Täter gehuldigt. Genau darauf hat dieser gesetzt: Er kündigt seine Tat auf 8chan an und verwendet dabei das Meme eines australischen Shitposters. Während er den Anschlag live auf Facebook streamt, spielt er ein antimuslimisches Lied aus dem Jugoslawienkrieg – es grassiert seit Jahren im Netz und trägt dort den rassistischen Namen „Remove Kebab“, wobei Kebab für muslimische Menschen steht. Diese Aufschrift findet sich auch auf einer der Waffen des Attentäters. Und kurz bevor er in die erste Moschee eindringt, legt er seinen Zuschauer*innen nahe: „Subscribe to PewDiePie“. Ein Meme, das einst entstand, als ein indischer Bollywoodkanal den schwedischen Influencer „PewDiePie“ von Platz eins der meistabonnierten YouTube-Kanäle zu verdrängen drohte. Dieser reagierte mit einer absurd riesigen Kampagne und startete so eine ironische Netzbewegung.

Der Attentäter legt also großen Wert darauf, Aufmerksamkeit von einer ganz bestimmten Zielgruppe zu bekommen. Der Christchurch-Attentäter adressiert direkt die chan-Kultur, entspricht mit seinem Livestream in Ego-Shooter-Optik der Gewalt- und Sensationslust der Community und hofft so auf eine möglichst große Resonanz in diesen Foren. Dort sieht er das meiste Potential für Nachahmungstaten und die Konservierung seiner Ideen. Der Terroranschlag von Christchurch zeigt überdeutlich die Verbindung zwischen Trollkultur und Rechtsextremismus. Er ist eine neue Form des Terrorismus, die nicht mehr nur auf Schrecken und Tod setzt, sondern mit den Mitteln der sozialen Medien direkt das zugeneigte Publikum sucht – live und in Farbe. Es ist Troll-Terrorismus.

Vom Feindbild der »Political Correctness« zum »Infowar«

Das gerate hier alles außer Kontrolle, das müsse ein Ende haben, sagt Caleb Cain in seinem Video über die Alt-Right. Für die Rechtsextremen der chan-Foren, der Alt-Right und der White Supremacists aber hat es gerade erst begonnen. Der Erfolg von Donald Trump ist ihr gemeinsamer Erfolg, die Tat von Christchurch ihre gemeinsame Tat, zumindest der Anfang einer langen Reihe ähnlicher Taten. Am 27. April 2019 tötet ein 19-Jähriger einen Menschen in einer Synagoge im kalifornischen Poway. Er versucht, seine Morde auf Facebook live zu übertragen, und veröffentlicht kurz vor der Tat ein Manifest auf 8chan. Am 3. August 2019 tötet ein 21-Jähriger in El Paso, Texas, 22 Menschen aus rassistischen Motiven. Auch er postet auf 8chan eine Ankündigung und ein Manifest. Am 10. August 2019 versucht ein Jugendlicher in Norwegen, ein Blutbad in einer Moschee anzurichten, wird jedoch von einem Gläubigen überwältigt. Seine Ankündigung postet er auf dem Imageboard Endchan – vermutlich, weil 8chan zu diesem Zeitpunkt wegen des Shootings in El Paso vom Netz genommen wurde. Außerdem stellt er ein Bild ein, das ihn in einer Reihe mit den Tätern von Christchurch, Poway und El Paso zeigt. Am 9. Oktober 2019 erreicht der chan-Terrorismus Deutschland, als ein Mann versucht, die Synagoge in Halle zu stürmen, um dort ein Massaker anzurichten. Als er zwei Tage später dem Haftrichter vorgeführt wird, gibt sein Anwalt zu Protokoll, dass er vor allem auf 8chan unterwegs gewesen sei. Der Beschuldigte erklärt, dass er nach Christchurch angefangen habe, seine Tat vorzubereiten. Wie auch die anderen drei Nachahmer wollte er fortsetzen, was in Neuseeland begonnen wurde.

Der Massenmord von Christchurch hat augenscheinlich zu einer weiteren Radikalisierung in der Alt-Right und den chan-Foren geführt. Wie in Ego-Shooter-Spielen werden die „Kills“ gezählt und mit dem neuseeländischen Vorbild verglichen: Es ist die Gamification des Terrors. Die Imageboards geraten nun immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit und der Behörden. Ein Internetanbieter stellt nach El Paso die Zusammenarbeit mit 8chan ein – die Seite verschwindet daraufhin vorübergehend aus dem Netz. Sogar ihr Gründer Fredrick Brennan, der inzwischen allerdings nicht mehr ihr Inhaber ist, kündigt an, alles dafür zu tun, um die Seite offline zu halten. „Weil die Welt ohne sie besser dran ist.“ Wie schon beim Gamergate, als die radikalsten Channer von 4chan zu 8chan abwanderten, ist auch jetzt davon auszugehen, dass sich neue Treffpunkte bilden werden. Mit Endchan steht ein Forum bereit, das die heimatlos Gewordenen aufnehmen will. Auf der Startseite heißt man die „8ch-Flüchtlinge“ willkommen. Im Oktober 2019 geht mit 8kun zumindest zeitweise ein identischer Nachfolger online. Es wird nicht der letzte Versuch gewesen sein.

Die Neue Rechte in Deutschland ist seit ein paar Jahren darum bemüht, diese Kultur des Hasses, der Menschenfeindlichkeit und der Lüge in den deutschsprachigen Raum zu importieren: „Political Correctness“ ist schon lange das gemeinsame Feindbild der Rechten, doch seit der letzten Bundestagswahl wird nun zum „Infokrieg“ getrommelt: Memes als Schwerter, Frösche als Symbol, Hass und Verschwörung als täglich Brot. Nicht zuletzt mit den Mitteln der Alt-Right arbeitet die Neue Rechte in Deutschland an einer Kulturrevolution von rechts. Angesichts der Drastik der Ereignisse des Jahres 2019 – Walter Lübcke wird ermordet, rechtsextreme, waffenhortende Gruppen führen „Todeslisten“ über ihre politischen Feind*innen, ein 4channer versucht, in einer Synagoge ein Massaker anzurichten –, angesichts all dessen ist davon auszugehen, dass der in den chan-Foren ausgerufene Kulturkampf auch in Deutschland schon länger tobt.

Dabei ist nicht nur die Vereinnahmung von Internet- und Memekultur zentral, sondern ebenso die Tatsache, dass Gamergate und die Alt-Right Bewegungen des Social-Media-Zeitalters sind. Sie wurden groß, als die sozialen Netzwerke Mainstream wurden, und sind dementsprechend stark von ihnen geprägt. Influencer*innen kommt dabei eine besondere Rolle zu. Längst ist auch in Deutschland zu beobachten, wie die Neue Rechte darauf setzt, bekannte Internetpersönlichkeiten aufzubauen. Bei alledem zeigt sich: Die „sozialen“ Medien sind längst das Schlachtfeld des rechten Kulturkampfes – und sie geben die Art der Kriegsführung vor.

Der Beitrag basiert auf „Die rechte Mobilmachung: Wie radikale Netzaktivisten die Demokratie angreifen“, dem neuen Buch der beiden Autoren, das soeben im Ullstein Verlag erschienen ist.

 

[1] Die Vorstellungen, die er in seinen Pamphleten entwarf, erinnern zwar an übliche Verschwörungstheorien, doch verweisen sie nie auf bekannte Vorbilder, nutzen nicht das übliche Vokabular wie der Täter in Halle, der sich aktiv auf andere Rechtsterroristen bezog.

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