Ausgabe Juli 2020

Toxische Nostalgie: Rassismus in Europa

September 1963: In Llansteffan (Wales) hört der Glasmaler John Petts im Radio eine erschütternde Nachricht. In Birmingham, der größten Stadt des US-Bundesstaats Alabama, wurden vier schwarze Mädchen durch einen Bombenanschlag ermordet. Sie hatten dort in einer Baptistenkirche die Sonntagsschule besucht. Petts – weiß und britisch – ist tief bewegt. „Als Vater war ich natürlich entsetzt über den Tod der Kinder“, sagt er in einer vom Londoner Imperial War Museum archivierten Tonaufzeichnung. „Als Angehöriger eines minutiös arbeitenden Berufsstandes entsetzte mich die Zertrümmerung all der Kirchenfenster. Und ich dachte: Du meine Güte, was können wir da nur machen?“ Der Mann beschloss, seine künstlerischen Fähigkeiten für eine Solidaritätsaktion einzusetzen. Denn „eine Idee existiert nicht, so lange man sie nicht irgendwie umsetzt“, sagte er. „Ein Gedanke, der nicht dazu führt, dass man etwas tut, bleibt im wirklichen Leben ohne Bedeutung.“ Um eines der zerstörten Kirchenfenster ersetzen zu können, rief Petts, unterstützt von Wales‘ führender Tageszeitung „The Western Mail“, zu Spenden auf.

„Ich werde niemanden um mehr als eine halbe Krone [das damalige Äquivalent eines Zehncentstücks] bitten“, meinte der Herausgeber der Zeitung dazu. „Wir möchten ja nicht, dass irgendein reicher Mann mit großer Geste das ganze Fenster bezahlt. Wir möchten, dass es ein Geschenk des walisischen Volkes wird.“ Zwei Jahre später wurde Petts‘ Kirchenfenster in Alabama eingesetzt. Es zeigt – vor blau getöntem Hintergrund – einen schwarzen Christus mit gesenktem Haupt und aufwärts ausgebreiteten Armen, wie an einem Kruzifix hängend. Darunter finden sich die Worte „You did it to me“.[1]

Dass Europa sich – besonders in traumatischen, von Krise und Protest geprägten Zeiten – mit dem schwarzen Amerika identifiziert, hat eine lange und komplizierte Geschichte. Es sind nicht zuletzt internationalistische und antirassistische Traditionen der europäischen Linken, die diese Einstellung nähren. Bei ihr fanden Persönlichkeiten wie Paul Robeson, Richard Wright und Audre Lorde immer wieder geistig – und zuweilen auch leibhaftig – eine Heimat. „Schon sehr früh hatte meine Familie sich mit Martin Luther King und der Bürgerrechtsbewegung solidarisiert“, sagte mir der nordirische Schriftsteller und Drehbuchautor Ronan Bennett einmal, ein Katholik, der von den Briten Anfang der 1970er Jahre zu Unrecht ins berüchtigte Long-Kesh-Gefängnis Nordirlands geworfen worden war. „Wir fühlten uns schwarzen Amerikanern instinktiv verbunden. Eine Menge Symbolik und sogar die Hymnen – wie ‚We shall overcome‘ – hatten wir aus dem schwarzen Amerika übernommen. Anfang der 1970er Jahre beeindruckten mich Bobby Seale und Eldridge Cleaver stärker als Martin Luther King.“

Diese Tradition politischer Identifikation mit dem schwarzen Amerika bietet allerdings auch dem Minderwertigkeitskomplex Europas erheblichen Raum, wenn dieses seine militärische und wirtschaftliche Schwäche gegenüber den USA mit einer moralischen Selbstgewissheit zu kaschieren sucht, die wiederum über die eigene, kolonialistische Vergangenheit ebenso großzügig hinwegsieht wie über die eigene rassistische Gegenwart.

Black Lives Matter in Europa

Im Vereinigten Königreich fand 1998 gerade eine öffentliche Untersuchung des rassistischen Mordes an dem britischen Teenager Stephen Lawrence statt,[2] als die Nachricht vom Schicksal James Byrds, eines 49jährigen Afroamerikaners, das Land erreichte. Drei Männer hatten diesen im texanischen Jasper überwältigt und misshandelt, auf ihn uriniert, ihn mit den Fußgelenken an ihren Pritschenwagen gekettet und kilometerweit hinter sich hergeschleift, bis sein Kopf abriss. Ich arbeitete damals beim britischen „Guardian“. In einer Redaktionssitzung kommentierte einer meiner Kollegen den Mord mit den Worten: „Nun ja, wenigstens machen wir sowas hier nicht.“

In den Jahren danach hat die Zahl schwarzer Europäer beträchtlich zugenommen – insbesondere in den Städten des Vereinigten Königreichs, Hollands, Frankreichs, Belgiens, Portugals und Italiens. Sie stammen entweder aus ehemalige Kolonien dieser Länder („Wir sind hier, weil ihr dort wart.“) oder es sind Einwanderer jüngeren Datums, Asylsuchende beispielsweise, Flüchtlinge oder Wirtschaftsmigranten. Auch diese Communities versuchen aus den stärker sichtbaren Auseinandersetzungen in Amerika für ihre eigenen lokalen Kämpfe Kraft zu schöpfen.

„Der amerikanische Negro hat gar keine Vorstellung von den Sorgen, die Hunderte Millionen anderer Nichtweißer sich um ihn machen“, bemerkt Malcolm X in seiner Autobiographie. „Ihm ist nicht klar, wie brüderlich sie für ihn und mit ihm empfinden.“

In den vergangenen Wochen haben sich überall in Europa große Menschenmengen versammelt, um ihre Solidarität mit den Protestaktionen gegen Polizeibrutalität zu bekunden, die der Mord an George Floyd ausgelöst hat. (Wenn Frauen die Opfer sind, scheint die Nachricht es allerdings schwerer zu haben, über den Atlantik zu dringen. Der Name Breonna Taylor etwa, der bei den US-Protesten eine große Rolle spielt, ist hier kaum bekannt.) Beispielsweise in Paris: Die Luft im Zentrum der französischen Hauptstadt war rauch- und tränengasgeschwängert, als Tausende demonstrativ die „Take a Knee“-Protestgeste von „Black Lives Matter“ übernahmen und die Fäuste reckten. Im belgischen Gent wurde einer Statue König Leopolds des Zweiten, der zu seiner Zeit den Kongo brandschatzte und ausplünderte, eine Haube mit der Aufschrift „I can’t breathe” übergezogen, bevor man sie mit roter Farbe übergoss. „Keine Gerechtigkeit, kein Frieden!“ skandierten die Demonstrierenden in Kopenhagen, während es in Stockholm zu Handgreiflichkeiten mit der Polizei kam. Labour-dominierte Rathäuser in ganz Großbritannien wurden zum Zeichen der Solidarität rot angestrahlt. US-Botschaften und -Konsulate von Mailand (wo ein Flashmob zusammenströmte) bis Krakau (wo Kerzen entzündet wurden) gerieten zu Brennpunkten des Protests, während Tausende Demonstrierende vom Londoner Trafalgar Square bis nach Den Haag, von Dublin bis zum Brandenburger Tor in Berlin sich über Social-Distancing-Vorschriften hinwegsetzten, um sich lautstark Gehör zu verschaffen.

Zwar sind derart internationale Proteste nicht neu, aber unter dem Einfluss der sozialen Medien nehmen sie enorm zu. Fotos und Videos von brutaler Polizeigewalt und den darauf folgenden Massendemonstrationen, die über Diasporagruppen und darüber hinaus zirkulieren, können in kurzer Zeit große Menschenmengen erreichen und aufrütteln. Das Tempo, in dem solche Verbindungen geknüpft und verstärkt werden, hat sich enorm beschleunigt, während zugleich ihre Resonanz entsprechend wuchs. Der 17jährige Trayvon Martin, der 2012 in Florida „in Notwehr“ erschossen und dessen Täter freigesprochen wurde, ist in Europa bekannter als es der schwarze Junge Emmett Tills, der 1955 im Alter von 14 Jahren ermordet wurde, je war.

Manches spiegelt ganz einfach die globale amerikanische Macht wieder. Politische Entwicklungen in den Vereinigten Staaten wirken sich auf den Rest der Welt in der Regel spürbar aus – ökonomisch, ökologisch und militärisch. Kulturell übertrifft das Gewicht der Vereinigten Staaten dasjenige jeder anderen Nation – das gilt auch für das schwarze Amerika. Weit über mein dreißigstes Lebensjahr hinaus wusste ich viel besser über dessen Literatur und Geschichte Bescheid als über jene des schwarzen Britannien, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, oder auch der Karibik, woher meine Eltern stammen. Die afroamerikanische Community genießt in der schwarzen Diaspora eine hegemoniale Autorität, weil sie, so marginalisiert Schwarze in den Vereinigten Staaten selbst sind, eine Ausstrahlung besitzt, mit der sich keine andere schwarze Minderheit messen kann.

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Also kennen wir in ganz Europa die Namen von Trayvon Martin, Michael Brown und George Floyd. Den von Jerry Maslo hingegen, der dem südafrikanischen Apartheidsregime entkam, nur um 1989 in der Nähe von Neapel von Rassisten ermordet zu werden, kennt außerhalb Italiens kaum jemand. Dabei bewirkte sein Tod dort das erste wichtige Gesetz, das den Status von Immigranten legalisierte. Auch die Geschichte Benjamin Hermansens, eines 15 Jahre alten norwegisch-ghanaischen Jungen, der 2001 in Oslo von Neonazis ermordet wurde, wird außerhalb Norwegens kaum erzählt, obwohl er gewaltige Demonstrationen und die Verleihung eines nationalen Antirassismus-Preises nach sich zog. (Und obwohl der Pop-Sänger Michael Jackson, angeregt durch eine Zufallsbekanntschaft, dem Jungen sein 2001 erschienenes Album „Invincible“ widmete, eine Geste, die vermutlich nicht einmal seine glühendsten Fans wahrgenommen haben.)

Das Interesse beruht allerdings nicht auf Gegenseitigkeit. Der Vergleich zwischen Lawrence und Byrd in der erwähnten „Guardian“-Redaktionssitzung war zwar heikel, aber immerhin möglich. In den meisten amerikanischen Newsrooms würde wahrscheinlich niemand je von Lawrence gehört haben. Das liegt nicht an kaltschnäuzigem Desinteresse, sondern an imperialer Macht. Je näher du dem Zentrum bist, desto weniger musst du über die Peripherie wissen – und umgekehrt.

Aus dem Blickwinkel eines Kontinents, der sich über Amerikas Macht ärgert und sie zugleich begehrt, aber außerstande ist, daran etwas zu ändern, erscheinen die Afroamerikaner geradezu als eine erlösende Kraft: Gelten sie doch als lebendiger Beweis dafür, dass die Vereinigten Staaten durchaus nicht immer das sind, was sie zu sein vorgeben – und dass sie eigentlich viel großartiger sein könnten. Diese Lesart konterkariert den denkfaul-zählebigen Antiamerikanismus der europäischen Linken. Die gleichen Leute, die George W. Bush schmähten, schlossen dann Barack Obama in ihr Herz. Die gleichen Linken, die an Richard Nixon kein gutes Haar ließen, feierten Muhammad Ali, Malcolm X und Martin Luther King. Auch als die Franzosen die mit dem Marshall-Plan einsetzende „Coca-Cola-Kolonisierung“ beklagten, hießen sie doch James Baldwin und Richard Wright willkommen. Die – manchmal reflexartige und krude, aber kaum je gänzlich ungerechtfertigte – Ablehnung amerikanischer Außenpolitik und Machtentfaltung lief nie auf eine pauschale Zurückweisung der Kultur des Landes oder seines Potentials hinaus.

In Zeiten, in denen die Vereinigten Staaten Wert auf ihre soft power legten, interessierte es sie durchaus, wie man sie anderswo wahrnahm. „Das Problem der race relations zieht unsere Außenpolitik in Mitleidenschaft“, sagte Außenminister Dean Rusk 1963. „Ich spreche vom Problem der Diskriminierung. [...] Unsere Stimme dringt nicht durch, unsere Freunde sind peinlich berührt, unsere Feinde schadenfroh. [...] In diesem Rennen laufen wir mit schwerem Handicap.“

Nun leben wir gerade nicht in solchen Zeiten. George Floyd wurde in einem historischen Moment getötet, in dem Amerikas Ansehen in Europa so tief gesunken ist wie nie zuvor. Donald Trump verkörpert alles, was die meisten Europäer als die schlimmsten Aspekte der amerikanischen Macht verabscheuen – mit seiner Bigotterie, Misogynie und Xenophobie, seiner Ignoranz, Eitelkeit und Korrumpierbarkeit sowie mit seiner Sturheit und seiner polternden Art. Nur einen Tag nach Trumps Amtseinführung im Januar 2017 fanden in 84 Ländern Frauendemonstrationen gegen ihn statt, und bis heute provoziert sein Besuch in den meisten europäischen Hauptstädten massive Proteste. Durch sein Benehmen auf internationalen Foren und seine Entscheidung, die USA mitten in einer Pandemie aus der Weltgesundheitsorganisation abzuziehen, hat der amerikanische Präsident seine Verachtung für den Rest der Welt unmissverständlich demonstriert. Und diese Verachtung wird fast überall von ganzem Herzen erwidert.

Die Tötung George Floyds als Ausdruck amerikanischer Pathologien

Obwohl es im amerikanischen Alltag mit schauriger Regelmäßigkeit zu Polizeieinsätzen kommt, die tödlich enden, ist es gerade die gewaltsame Tötung George Floyds, die in den Augen vieler Europäer all die abstoßenden Züge der Trump-Ära bestätigt. Sie illustriert die Wiederkehr einer weißen nativistischen Gewalttätigkeit mit dem Segen der Staatsmacht, ermutigt durch den höchsten Amtsträger des Landes. Sie steht beispielhaft für eine Demokratie im Krisenzustand, in der die Sicherheitskräfte Amok laufen und ihre eigenen Mitbürger terrorisieren. Der Tod George Floyds ist kein gewöhnlicher Mord, sondern eine Metapher.

Derartige Pathologien kommen nicht aus dem Nichts. „Kein Afrikaner gelangte in Freiheit an die Gestade der Neuen Welt“, schrieb im 19. Jahrhundert Alexis de Tocqueville. „Der Neger[3] überträgt das äußerliche Mal seiner Schmach seinen Abkömmlingen bei der Geburt. Das Gesetz kann die Knechtschaft abschaffen, doch nur Gott kann deren Spuren tilgen.“ Dieses „Mal“ dient als Eintrittskarte in eine Welt, die das schwarze Amerika zwar als durchaus – aber nicht gänzlich – amerikanisch begreifen will, als zentral für eine bestimmte Version der Kultur der Vereinigten Staaten und zugleich befreit von den Konsequenzen ihrer Macht.

Diese Wahrnehmung des schwarzen Amerikas trägt häufig herablassende oder infantilisierende Züge. So schrieb etwa Wladimir Majakowski – in der stürmischen Frühzeit der Sowjetunion deren meistgerühmter Poet – 1927 in seinem Gedicht „Für unsere Jugend“: „Ja, wär ich ein Neger, vom Alter schon krumm, nicht schont ich die müden Knochen / und lernte Russisch, einzig darum, weil Lenin russisch gesprochen.“ (Was Lenin selbst betrifft: Das Lieblingsbuch seiner Kindheit war „Onkel Toms Hütte“.)

Auch Europas Exotisierung Josephine Bakers in der „Revue nègre“, die 1925 in Paris Premiere feierte, war durchaus kein einmaliger Ausreißer, auch wenn Baker selbst einmalig war. Oder nehmen wir die afroamerikanische Aktivistin Angela Davis. Ende der 1960er Jahre beschrieben westdeutsche Medien sie als „die militante Madonna mit dem Afro-Look“ und „die schwarze Frau mit der ‚Busch-Frisur‘“. Auf der östlichen Seite pries man sie als „die bildschöne, dunkelhäutige Frau, [die] mit ihrer ausladenden Lockenpracht im Afrika-Look die Aufmerksamkeit der Berliner erregte“. Die Bewunderung, die in solchen Wahrnehmungen – bei aller Kritikwürdigkeit – mitschwang, war echt. In der Tradition der europäischen Linken gab es immer eine starke internationalistische Strömung, in der Antirassismus und Antifaschismus miteinander Hand in Hand gingen. Sie bot den Kämpfen der Afroamerikaner einen fruchtbaren Boden. Hier nur zwei Beispiele: Schon in den 1860er Jahren widerstanden Weber im britischen Lancashire allen Forderungen, den Boykott von Waren aus den amerikanischen Südstaaten zu beenden. Dabei litten sie selbst darunter, dass die Blockade der Konföderation den Baumwollnachschub versiegen ließ, was sie um ihren Lebensunterhalt brachte. Und Anfang der 1970er Jahre erklärte die „Free Angela Davis“-Kampagne gegenüber der „New York Times“, sie habe allein aus Ostdeutschland 100 000 Unterstützerbriefe erhalten – zu viele, um auch nur geöffnet zu werden.

Zwar verfügt Europa also, wie gerade die aktuelle Protestwelle in den USA wieder zeigt, nachweislich über eine gewisse Begabung, dem schwarzen Amerika antirassistische Solidarität entgegenzubringen. Es besitzt jedoch auch seine eigene Geschichte weltweiten Rassismusexports. Tocqueville hatte ja Recht mit der Feststellung, dass „kein Afrikaner [...] in Freiheit an die Gestade der Neuen Welt“ gelangte, er versäumte es aber klarzustellen, dass in erster Linie die „Alte Welt“ jene Menschen dorthin gebracht hatte. Europa hat eine in jeder Hinsicht ebenso üble Rassismusgeschichte wie Nord- und Südamerika – tatsächlich sind diese Geschichten eng miteinander verflochten. Der wichtigste Unterschied zwischen Europa und den Vereinigten Staaten besteht in dieser Hinsicht schlicht darin, dass Europa seine ungeheuerlichsten Rassismusformen – Sklaverei, Kolonialismus und Segregation – außerhalb der eigenen Grenzen praktizierte. Amerika hingegen internalisierte diese.

Europas lange Geschichte des Kolonialismus und Rassismus

In der Zeit, die zwischen dem Bombenanschlag auf die Baptistenkirche in Birmingham im September 1963 und dem Einbau des gestifteten Ersatzfensters dort verstrich, befreiten sich sechs afrikanische Länder aus britischer Kolonialherrschaft (denen weitere folgen sollten), während sich Portugal weitere neun Jahre lang an seine ausländischen Besitzungen klammerte. Hätte Petts nach einer zwischenzeitlich Tausende Kilometer entfernt verübten herzzerreißenden Untat gesucht, hätte er nach Kenia schauen können, wo seine eigene Regierung einen Aufstand für die Freiheit mit der Folterung und Ermordung Tausender beantwortete.

Einer der Hauptunterschiede zwischen dem Rassismus Europas und dem der USA besteht wie gesagt darin, dass europäische Unterdrückung und der Widerstand gegen diese hauptsächlich außerhalb Europas stattfanden. Unsere Bürgerrechtsbewegung entwickelte sich in Jamaika, Ghana, Indien und so weiter. In der postkolonialen Ära hat diese Verlagerung der Verantwortung der Verleugnung, Verzerrung, Ignoranz und Sophisterei enormen Vorschub geleistet, wenn es darum geht, die eigene Kolonialgeschichte zu verstehen. „Es stimmt durchaus, dass die Engländer scheinheilig mit ihrem Empire umgehen“, schrieb George Orwell 1941 in „England Your England“. „In der Arbeiterklasse nimmt diese Heuchelei die Form an, gar nicht zu wissen, dass das Empire existiert.“ Zehn Jahre nach Veröffentlichung seines Essays waren, Erhebungen der britischen Regierung zufolge, fast drei Fünftel der Befragten nicht imstande, auch nur eine einzige Kolonie des Landes zu nennen.

Solch selektiver Gedächtnisschwund gegenüber dem eigenen imperialen Erbe bewirkt bei vielen weißen Europäern unweigerlich ein falsches Überlegenheitsgefühl, wenn es um Rassismus in den Vereinigten Staaten geht. Schlimmer noch ist die toxische Nostalgie, die bis heute die Missdeutung der eigenen Geschichte befleckt. In den Niederlanden glaubt einer YouGov-Umfrage vom März dieses Jahres zufolge jeder zweite Befragte, die koloniale Vergangenheit des eigenen Landes sei etwas, worauf man stolz sein könne – in Großbritannien jeder dritte, in Frankreich und Belgien jeder vierte und in Italien jeder fünfte. Umgekehrt hält in den Niederlanden nur einer von zwanzig, in Frankreich einer von sieben, in Großbritannien einer von fünf, in Belgien und in Italien einer von vier Befragten das ehemalige Imperium des Landes für etwas, dessen man sich schämen sollte. Dabei gab es in all diesen Ländern jetzt große Demonstrationen, die sich mit der Black-Lives-Matter-Bewegung in den Vereinigten Staaten solidarisierten.

Die Empörung verrät leider nur allzu oft einen Mangel an Selbsterkenntnis, eine Unfähigkeit wahrzunehmen, was fast der ganze Rest der Welt weiß. Viele dieser Europäer wundern sich ganz ehrlich, wie Amerika zum Schauplatz derartiger Brutalität werden konnte – ohne sich einzugestehen oder zu bedauern, dass ihre eigenen Gesellschaften einen ähnlichen Pfad beschritten haben. Was den Kenntnisstand und das Verständnis von race und Rassismus unter weißen Europäern angeht – selbst solcher, die sich für aufgeschlossen, kulturell gebildet und gut informiert halten –, so bewegen sich diese auf erbärmlich niedrigem Niveau.

Die 2014 verstorbene Bürgerrechtlerin Maya Angelou erkannte schon früh die Kluft, die ihr eigenes Verhältnis zu Frankreich von dessen Verhältnis zu anderen, die aussahen wie sie, trennte. Diese Erkenntnis führte sie, als sie 1954 mit „Porgy and Bess“ durch Frankreich tourte, zu dem Entschluss, dem vertrauten Beispiel schwarzer Künstler und Musiker nicht zu folgen, die sich dort niedergelassen hatten. „Paris war keine Bleibe für mich und meinen Sohn“, resümierte sie in „Singin’ and Swingin’ and Gettin’ Merry Like Christmas“, dem dritten Band ihrer Autobiographie. „Die Franzosen kamen mit mir zurecht, weil es keine gemeinsame Geschichte gab, die sie in Schuld verstrickt hätte – so wie es weißen Amerikanern leichter fällt, Afrikaner, Kubaner oder südamerikanische Schwarze zu akzeptieren als Schwarze, die seit 200 Jahren mit ihnen – ihren Fuß im Genick – zusammenleben. Ich sah keinen Nutzen darin, eine Art des Vorurteils gegen eine andere einzutauschen.“

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Der wachsende Rassismus im heutigen Europa

Das führt uns zu dem anderen Problem, unter dem Europas Glaubwürdigkeit in dieser vergleichenden Bilanz leidet: Ich spreche vom Überhandnehmen des Rassismus im heutigen Europa. Der Faschismus ist auf diesem Kontinent erneut zu einer Mainstream-Ideologie geworden. Offen rassistische Parteien sind fester Bestandteil der politischen Landschaft und es gelingt ihnen, selbst wenn sie nicht an der Macht sind, unverhältnismäßig großen Einfluss auf Politik und Öffentlichkeit auszuüben. In Europa gibt es keine erschütternden, sich wie Lauffeuer verbreitenden Videobilder ertrinkender Flüchtlinge. Es gibt keine Bilder von den letzten Augenblicken dieser Menschen, wie sie verzweifelt nach Luft schnappen, bevor sie im Mittelmeer versinken (möglicherweise auf dem Weg in ein Land – Italien –, das jedem, der sie zu retten wagt, Geldstrafen auferlegt). Nur als 2015 ein drei Jahre alter syrischer Junge, Alan Kurdi, tot an einen türkischen Strand gespült wurde, rüttelte das Europa ähnlich auf wie die Videos mörderischer Polizeieinsätze aus den USA: als unter die Haut gehender Nachweis der Unmenschlichkeit, derer sich unsere politischen Kulturen hüben wie drüben gleichermaßen mitschuldig machen.

Ob Inhaftierung, Arbeitslosigkeit, Ausbeutung oder Armut – in all diesen Fällen sind auch in Europa schwarze Bürger stärker betroffen als andere. Mag sein, dass der Rassismus hier weniger tödlich ist als in den Vereinigten Staaten, weil Europa den schändlichen Waffenkult der Amerikaner nicht teilt, aber auf andere Weise ist er genauso präsent. Unterschiedlich hohe Covid-19-Sterblichkeitsraten je nach Hautfarbe beispielsweise verzeichnet Großbritannien ebenso wie die USA. Rassismusbedingte Unruhen oder Aufstände gab es in den vergangenen 15 Jahren darüber hinaus auch in Italien, Belgien, Frankreich und Bulgarien. Schwarzes Leben im Spätkapitalismus ist eben nicht nur in Amerika prekär, auch wenn die Missstände dort am häufigsten und krassesten zu Tage treten. Insoweit fungiert die Losung „Black Lives Matter“ als eine Art floating signifier – als schwebender Signifikant –, der in den meisten europäischen Städten und weit darüber hinaus heimisch werden könnte.

»Rassismus ist überall schlecht«

Mit welchem Recht also fordern Europäer angesichts all dessen Amerika ausgerechnet mit Rassismusvorwürfen heraus? Mit dieser Frage versuchen afroeuropäische Aktivistinnen und Aktivisten immer wieder die geballte Aufmerksamkeit, die amerikanische Zustände auf sich ziehen, zu nutzen, um eine Abrechnung mit dem Rassismus in ihren eigenen Ländern zu erzwingen. Natürlich gibt es keinen Grund anzunehmen, das Vorhandensein von Rassismus an einer Stelle entzöge irgendwem das Recht, über Rassismus anderswo reden zu dürfen. (Wäre das so, hätte die Anti-Apartheid-Bewegung im Westen niemals Breitenwirkung erzielt.) Wohl aber sollte man sorgfältig erwägen, wie man darüber spricht. Ich habe oft erlebt, wie hiesige schwarze Aktivisten sich Europas kulturelle Besessenheit von Amerika zunutze machen, um ihr politisches Establishment über den Rassismus vor der eigenen Haustür aufzuklären. Die Wehklagen über das Schicksal George Floyds in den Vereinigten Staaten fanden in Paris ihr Echo, als dort der Name Adama Traorés beschworen wurde, eines jungen Franzosen malischer Herkunft, der 2016 im französischen Polizeigewahrsam starb.

Der Versuch aufzuklären kann sich allerdings als undankbare Aufgabe erweisen. Meiner Erfahrung nach kommt es bei vielen weißen Europäern, auch liberal gesinnten und linken, nicht gut an, wenn man Zusammenhänge – Kontinuitäten und Gegensätze – zwischen den Rassismen beiderseits des Atlantiks anspricht. Die häufigste Reaktion changiert zwischen barscher Zurückweisung und Irritation. Zwar bestreiten nur wenige, dass es auch im eigenen Lande Rassismus gibt, aber sie fordern beharrlich, man solle zugeben, dass es hier „besser als dort“ sei – ganz so als sollten wir glücklich über den Rassismus sein, den wir hier haben.

Als ich 2015, nachdem ich zwölf Jahre als Korrespondent in Chicago und New York gelebt und gearbeitet hatte, die Vereinigten Staaten verließ, wurde ich ständig gefragt, ob ich wegen des Rassismus dort wegziehen würde. „Rassismus funktioniert in Großbritannien und Amerika unterschiedlich“, war meine Standardantwort. „Wollte ich dem Rassismus entfliehen, warum sollte ich dann ausgerechnet nach London zurückgehen?“ Aber in Amerika, hörte ich dann, ist der Rassismus doch schlimmer als hier! „Rassismus ist überall schlecht“, antwortete ich jedes Mal. „Es gibt wirklich keine ‚bessere‘ Art.“

Deutsche Erstveröffentlichung eines Textes, der unter dem Titel „What Black America Means to Europe“ zuerst in „The New York Review of Books“ erschienen ist. Übersetzung: Karl D. Bredthauer.

 

[1] Zitiert aus Matthäus 25:40: „Wahrlich ich sage euch, was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

[2] Der 18jährige Schwarze wurde im April 1993 von fünf weißen Männern an einer Bushaltestelle erstochen. Erst 18 Jahre danach wurden die Täter schuldig gesprochen.

[3] Um die zeithistorischen Bezüge zu erhalten, haben wir darauf verzichtet, den Begriff in eine nicht-diskriminierende Sprache zu übertragen. – D. Red.

Aktuelle Ausgabe Juli 2020

In der Juli-Ausgabe beleuchten der Historiker Ibram X. Kendi und die Soziologin Keeanga-Yamahtta Taylor die lange Tradition rassistischer Gewalt in den USA – und zeigen Wege aus dem amerikanischen Albtraum auf. Der Soziologe Gary Younge und der Journalist Marvin Oppong richten den Blick auf den Rassismus und die Polizeigewalt in Europa. Der Journalist Michael Pollan legt die brutale Effizienz der Lebensmittelindustrie offen – die uns alle buchstäblich krank macht. Und »Blätter«-Redakteur Albrecht von Lucke analysiert den steilen Aufstieg Markus Söders inmitten der Coronakrise - und dessen Chancen, nächster Bundeskanzler zu werden.

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