Ausgabe Juni 2020

Schweden: Seelenruhig in die Katastrophe?

Der Staatsepidemiologe Anders Tegnell der Schwedischen Gesundheitsbehörde bei der täglichen Pressekonferenz über die Coronavirus-Pandemie in Stockholm, Schweden, 18. Mai 2020

Bild: imago images / TT

Wer auch immer die hiesigen strengen Corona-Beschränkungen kritisiert, verweist dabei gern auf Schweden, das in der Corona-Pandemie einen Sonderweg einschlug: Das öffentliche Leben lief weitgehend normal weiter, Grundschulen und Kitas blieben ebenso geöffnet wie – unter Auflagen – Geschäfte, Restaurants und Kneipen. Das Land verfolgt das Konzept der „Herdenimmunität“, so nannte es offiziell zu Beginn der Pandemie der seit 2013 als „Staatsepidemiologe“ tätige Anders Tegnell: Während die besonders gefährdeten älteren Menschen und solche mit Vorerkrankungen geschützt werden sollten, wurde das Ziel ausgegeben, möglichst rasch 60 bis 70 Prozent[1] der Bevölkerung zu infizieren, damit diese immun sind und sich das Virus nicht mehr ausbreiten kann. Der 64jährige Tegnell, der stets in abgetragenen Pullovern auftritt, ist beim schwedischen Gesundheitsamt beschäftigt und gilt, auch wenn er immer wieder auf seinen 500 Personen großen Expertenkreis verweist, als der Kopf der eigenwilligen schwedischen Strategie.

Der Mediziner war zuvor weltweit im Einsatz – besonders geprägt haben soll ihn sein Aufenthalt 1995 in Zaire als helfender Arzt während der Ebola-Epidemie: Dort erlebte er mit, wie das prekäre Gesundheitssystem zusammenbrach, weil sich die Leute zu Hause einschlossen, die Krankenstationen aufgrund des Personalmangels keine Patienten mehr versorgten und in der Folge viele Menschen an ganz anderen Ursachen als an dem Virus starben, das damals bei Infizierten in neun von zehn Fällen tödlich verlief.

Für Schweden wollte der Epidemiologe ein solches Szenario unbedingt vermeiden – weshalb es für ihn besonders entscheidend war, die Kitas und Grundschulen offenzuhalten. Das Krankenhauspersonal sollte die Gesundheitsversorgung sicherstellen und nicht zum Kinderhüten zu Hause bleiben. Jeden zweiten Tag – er wechselt sich mit seinem Stellvertreter Anders Wallensten ab – tritt er seit März mit seiner beruhigenden Stimme vor die Kameras und spricht von abflachenden Kurven und anderen hoffnungsvollen Tendenzen.

Gegenwind von Kollegen

Doch seine Gegner innerhalb und außerhalb des Königreichs, dazu gehören auch namhafte Ärztinnen, Virologen und Epidemiologen, sehen Tegnell als denjenigen an, der Schweden geradewegs in „italienische Verhältnisse“ hineinsteuert. Und sie verweisen auf entsprechende Zahlen: Bis Mitte Mai verzeichnete das Land siebenmal mehr Corona-Todesfälle pro 100 000 Einwohner als Finnland und fast viermal mehr als Deutschland. Schaut man auf die sogenannte Übersterblichkeit, steht Schweden neben Italien innerhalb Europas in der Gruppe mit einer „hohen Übersterblichkeit“ – im Vergleich zu den Vorjahren sind im März und April also wesentlich mehr Menschen gestorben. Schweden habe „die Alten geopfert“, titelte daher auch der finnische Sender YLE.

Anfang Mai lobte jedoch selbst der Exekutivdirektor des WHO-Programms für Gesundheitsnotfälle, Mike Ryan, das schwedische Vorgehen: Von Schweden könne man lernen, wie man sich ohne strikte Verbote auf die Einsicht der Bürgerinnen und Bürger verlassen könne. Die Befürworter des schwedischen Weges konnten Mitte Mai auch auf die Ansteckungsrate verweisen: Diese war bis dahin auf 0,85 gesunken (100 Infizierte stecken somit nur noch 85 Personen an). Schweden sei also bereits da, wo andere Länder noch hinkommen wollen, heißt es mittlerweile auch in den deutschen Medien in Anspielung auf die „zweite Welle“ – das befürchtete Hochschnellen der Infektionsraten im Zuge der jüngsten Lockerungen, mit der spätestens im Herbst gerechnet wird.

Die Heftigkeit des Ausbruchs wurde unterschätzt

Ob aber der schwedische Sonderweg letztlich tatsächlich von Erfolg gekrönt sein wird – also insgesamt weniger Tote zu beklagen sein werden als in Ländern, wo das öffentliche Leben weitgehend stillgelegt wurde –, lässt sich derzeit schwer abschätzen. Die bisherige Entwicklung sieht nicht danach aus: Als am 30. Januar der erste Fall bekannt wurde, wiegelte die Gesundheitsbehörde die Gefahren durch das Virus ab. Noch am 26. Februar erklärte Tegnell, dass lediglich ein paar Importfälle nach Schweden kommen könnten, eine landesweite Ausbreitung des Virus schloss er dagegen aus. Auch die Krankenhäuser sah er ausreichend mit Schutzausrüstung ausgestattet. Doch schon Mitte März stellte sich die Lage deutlich anders dar: Bereits 500 Infizierte waren zu diesem Zeitpunkt registriert, viele Krankenhäuser klagten über fehlende Masken und Schutzkittel. Tegnell sei von den Entwicklungen überrumpelt worden, kommentierte die Zeitung „Svenska Dagbladet“.

Tatsächlich sei das Gesundheitsamt anfangs von einem weniger tödlichen Virus ausgegangen und habe an dieser Annahme seine Strategie ausgerichtet, kritisiert der Ökonom Tino Sanandaji auf Anfrage. Die damals getroffenen Maßnahmen gelten im Groben allerdings bis heute: Das Land hat die Universitäten und Oberschulen geschlossen, wer kann, soll zu Hause arbeiten; anfangs waren Versammlungen bis 500 Personen erlaubt, derzeit können sich nur noch 50 Personen treffen. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, sich umsichtig zu verhalten.

Weltweit sorgte der schwedische Sonderweg schon früh für Schlagzeilen: Denn obwohl publik wurde, in welchem Ausmaß der Tiroler Skiort Ischgl mit seinen Après-Ski-Lokalen zur Verbreitung des Virus in Europa beitrug, sollte der Skispaß in Schwedens Fjäll weitergehen. Noch Ende März gab das Gesundheitsamt ausdrücklich seinen Segen für die Skisaison bis Ostern. Bezeichnenderweise verzichtete allerdings die Privatwirtschaft von sich aus auf den staatlicherseits genehmigten Freiraum. Die Diskos in den schwedischen Wintersportorten machten aus eigener Entscheidung dicht, das Aktienunternehmen „Skistar“ entschied sich noch vor Ostern, seine Anlagen in den drei wichtigen Skiorten des Landes zu schließen. Der befürchtete Imageschaden, sollte sich Ischgl in Schweden wiederholen und sollten die Skipartys wesentlich an der Seuchenverbreitung schuld sein, schien ihnen ein größerer Verlust zu sein als die Einnahmeausfälle in der Spätsaison.

Der Laissez-faire-Stil der rot-grünen Minderheitsregierung, der den schwedischen Bürgerinnen und Bürgern einen großen Spielraum lässt, ist eigentlich völlig untypisch für das Land – im schwedischen Selbstverständnis hat der Staat gemeinhin eine stark fürsorgende, bisweilen sogar als bevormundend kritisierte Funktion. Ganz in dieser Tradition handelte Tegnell etwa noch im Jahr 2009, als er eine Massenimpfung der Schweden gegen die Schweinegrippe durchsetzte – von zehn Millionen Einwohnern wurden sechs Millionen geimpft. Die 400 Personen, bei denen der Impfstoff die Krankheit Narkolepsie auslöste, rechtfertigte der Arzt damals mit der Vermeidung von Todesfällen durch die Schweinegrippe, die letztlich wesentlich glimpflicher verlief als befürchtet.

Dies aber ist nun bei der Sars-CoV-2-Epidemie anders: Schweden hat mehr Tote als viele andere Länder zu beklagen. Jüngst forderten deswegen schwedische Wissenschaftler, den Sonderweg endlich zu beenden und wie die europäischen Nachbarn strengere Kontaktbeschränkungen zu beschließen. Tegnell wies das Ansinnen ab und kritisierte scheinbar falsche Berechnungen der Gegner. Doch falsche Berechnungen und weitere Pannen konnten auch dem Gesundheitsamt und der Regierung nachgewiesen werden: So korrigierte die schwedische Sozialbehörde die vom Gesundheitsamt veröffentlichten Todeszahlen um zehn Prozentpunkte nach oben. Auch die Aussage, 20 bis 30 Prozent der Schweden seien schon infiziert und damit immun, musste Ende April als fehlerhaft revidiert werden. Schließlich muss die Regierung auch eingestehen, dass man beim als so wichtig proklamierten Schutz der Älteren nicht genügend getan habe: Knapp die Hälfte der Toten starb in den schwedischen Altersheimen und mittlerweile ist das Virus in jede Region des Landes vorgedrungen. Das Pflegepersonal wurde nicht mit den notwendigen Masken versorgt und trug das Virus in die Einrichtungen. In dem seit Jahren heruntergewirtschafteten und schlecht bezahlten Pflegesektor arbeiten viele Migranten, die in beengten Verhältnissen wohnen, wo sich das Virus leicht ausbreiten kann. Der Schutz der Schwachen hat offensichtlich – anders als geplant – nicht funktioniert. Zugleich gibt es weitere Kritik: Jan Eric Litten, ein pensionierter Virologe, warf dem Gesundheitsamt vor, eine umfassende Datenerfassung der Coronafälle versäumt zu haben. Die daraus folgende Unkenntnis über die bestehenden Infektionszahlen habe zu der raschen Verbreitung und zu vermeidbaren Todesfällen beigetragen. Tegnell jedoch sorgt sich offenbar eher darum, wie zu viel Wissen auf die Bevölkerung wirkt: „Es gibt ein gewisses Risiko, dass man Unruhe in der Bevölkerung schafft, wenn man rausgeht und Fragen stellt“, erklärte er gegenüber dem „Svenska Dagbladet“. Damit wären wir bei den „weichen Faktoren“, bei jenen, die typisch für das Psychogramm des Landes sind: Denn in Schweden gilt „Unruhe schaffen“ als besonders unerwünscht. Dies merkt man schon im Alltag, wo die Wendung „das ist ruhig“ am häufigsten zu hören ist – ein Mix aus „alles in Ordnung“ und „nur die Ruhe“.

»Abschalten« statt »Panik«?

Tegnell selbst erklärte wiederholt, dass man in der Pandemie panisch reagieren oder eben „abschalten“ könne – er bevorzuge Letzteres. Dass man sich den Fakten stellt, auch unangenehme Szenarien vorrechnet und Klartext redet, kommt für ihn als dritte Möglichkeit bislang nicht in Betracht.

In den drei skandinavischen Nachbarländern Norwegen, Finnland und Dänemark geschah genau das. Die Politiker traten an die Öffentlichkeit, beschworen den Ernst der Lage, vermittelten der Bevölkerung die Notwendigkeit der Beschränkungen und beriefen Krisenräte ein – bislang mit großem Erfolg: Die Infektionszahlen sind niedrig, die Zahl der Todesfälle auch. Ein Blick in die Geschichte könnte eine Erklärung für das unterschiedliche Verhalten liefern: Das schwedische Königreich konnte sich seit der Zeit Napoleons erfolgreich aus direkten militärischen Konflikten heraushalten, während die drei anderen skandinavischen Länder Kriegshandlungen des Zweiten Weltkriegs durchlebten. Finnland, das davon innerhalb Skandinaviens am stärksten betroffen war, pflegte die im Kalten Krieg errichteten und an geheimen Orten über das Land verteilten sogenannten Bereitschaftslager mit Masken und Schutzausrüstungen auch nach 1990 weiter und profitiert in der derzeitigen Krise davon. Die Finnen stufen sich selbst gern als „Pessimisten“ ein, gehen eher vom Schlimmsten aus und sehen die Schweden als immerwährende „Optimisten“, schließlich sei bei jenen „das Schlimmste“ lange Zeit nicht eingetreten.

Was macht die Politik?

Mit dem „Schlimmsten“ rechnet Tegnell offenbar auch derzeit nicht, und die Politik folgt ihm dabei. Der Sozialdemokrat Stefan Löfven, dessen Partei zusammen mit den Grünen eine Minderheitsregierung bildet, wiederholt zumeist die Empfehlungen des Gesundheitsamtes: „Wir Hobby-Epidemiologen sollten vorsichtig mit zu rasch gefassten Folgerungen sein“ – mit solchen Sätzen gibt der Politiker jenem Teil der Wissenschaft den Vortritt, die Tegnell vertritt.

Löfven selbst galt bislang als wenig überzeugender Politiker. Bei der vergangenen Parlamentswahl im September 2018 fuhr er mit gut 28 Prozent das schlechteste Wahlergebnis der sozialdemokratischen Traditionspartei seit 1908 ein. Doch weil sich aufgrund der starken Rechtspopulisten „Schwedendemokraten“ keine bürgerliche Koalition bilden konnte, um ihn abzulösen, blieb er Regierungschef einer rot-grünen Minderheitsregierung. Seit der Coronakrise geht es jedoch aufwärts, die Zustimmung in der Bevölkerung steigt: So ist das Vertrauen in die Regierung von 34 auf 53 Prozent gestiegen, das in das Gesundheitsamt von März bis April von 50 sogar auf 71 Prozent. Wer will bei einem solchen Konsens in einem konsensbewussten Land schon für „Unruhe“ sorgen? Denn auch die Opposition positioniert sich anfangs nicht gegen den Epidemiologen und setzt wie Löfven auf Expertenhörigkeit: „Die professionellen Mediziner sollen ihren Job machen“, so Ulf Kristersson, Chef der bürgerlichen Moderaten.

Aufgrund dieser Zurückhaltung der führenden Politiker kommt dem aktuellen Staatsepidemiologen eine staatstragende Rolle zu: „Landesvater“ oder „unser Befreier“ wird er gerne von den vielen Wohlgesinnten genannt, die ihn mit bedruckten T-Shirts und anderen Fanartikeln feiern. Ob bewusst oder nicht, Tegnell beschwört als Typus des bescheidenen, etwas humorlosen Schweden ein ersehntes Gemeinschaftsgefühl bei seinen Landsleuten. In Zeiten, in denen das Land etwa in Fragen der Einwanderung zutiefst gespalten ist, eint Tegnell es mit seinem Vorgehen zu einem großen Teil – auch nach außen hin. In Interviews tritt er etwa auch als Kritiker anderer Regierungen und deren Corona-Strategien auf, was den ehemaligen Premierminister Carl Bildt dazu bewegte, der Regierung zu empfehlen, dem Arzt „einen Maulkorb“ zu verpassen, was Löfven zurückwies. In den Medien und sozialen Netzwerken ist zugleich eine Art „Gesundheitsamt-Nationalismus“ zu beobachten, in der Schweden als ein Land dargestellt wird, das mit seiner unaufgeregten Krisenpolitik anderen Ländern und deren Panik überlegen sei.

Sollte aber der schwedische Sonderweg letztendlich in die Irre führen und sollten stattdessen die skandinavischen Nachbarn mit ihrer Abriegelungsstrategie besser fahren, so werden Tegnell und mit ihm die Regierung am moralischen Pranger stehen. Denn auch wenn die Regierung sich zumeist hinter dem Wissenschaftler weggeduckt hat, traf sie doch formal die Entscheidungen – mit all den Folgen, für die auch sie sich am Ende rechtfertigen muss.

 

[1] Der Stockholmer Mathematiker Tom Britton geht davon aus, dass „Herdenimmunität schon bei 40 bis 45 Prozent Infizierten in der Bevölkerung“ erreicht werden könne; Tegnell denkt, Stockholm erfülle dies bereits im Juni, was aber angesichts der ermittelten Immunitätsraten etwa in Spanien als illusorisch erscheint.

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