Ausgabe April 1990

Ein Volk statt Das Volk

Hintergründe einer semantischen Korrektur

Ein Mensch, der in diesen Wochen und Monaten nicht von den Emotionen mitgerissen wird, die die BRD aufwühlen, sondern sich auf gelassene Beobachtung beschränken wollte, müßte in Kopfschütteln geraten ob der Widersprüche, die sich da auftun.

Auf der einen Seite eine sich überstürzende Eile bei der Vereinigung mit Menschen, die bisher einem anderen und gar nicht so geschätzten Staat angehörten.

Auf der anderen Seite eine ebenso überstürzte Hast, bestimmte andere Menschen zurückzuweisen oder abzustoßen, selbst wenn sie schon Jahrzehnte im eigenen Staat leben. Da begrüßt man diejenigen emphatisch, die den Eisernen Vorhang in Ungarn durchbrechen, die Zäune um die Botschaft in Prag übersteigen. Gleichzeitig aber veranstaltet man fast lustvoll Menschenjagden auf andere, die den um die BRD errichteten Kordon durchbrochen haben. Da umjubelt man das Niederlegen von Drahtverhauen in Ungarn, die Beseitigung der Mauer in Berlin. Gleichzeitig aber können die Mauern und Zäune nicht dicht genug sein, die im Inland um die Lager der sogenannten Asylanten gezogen werden. Da geniert man sich nicht, die einen in Turnhallen, in Container und Wohnschiffe zu pferchen.

April 1990

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Chile: Leere Versprechen für die Indigenen?

von Malte Seiwerth

Am 1. Juni hielt der chilenische Präsident Gabriel Boric zum letzten Mal seine jährliche Rede vor den beiden Parlamentskammern des südamerikanischen Landes, eine Tradition, die seit 1833 gepflegt wird. Nach dreieinhalb Jahren im Amt wirkte seine Rede bereits wie ein Abschied.