Ausgabe Oktober 1991

Aufruf an die Bürger Rußlands zum Generalstreik vom 19. August 1991 (Wortlaut)

In der Nacht vom 18. zum 19. August 1991 wurde der rechtmäßig gewählte Präsident des Landes entmachtet. Mit welchen Gründen diese Entmachtung auch gerechtfertigt wird, wir haben es mit einem rechten, reaktionären, verfassungswidrigen Umsturz zu tun. Bei allen Schwierigkeiten und schwersten Prüfungen, die das Volk durchmacht, entfaltet sich der demokratische Prozeß im Land immer stärker und gewinnt einen unumkehrbaren Charakter.

Die Völker Rußlands werden zu Herren ihres Schicksals. Wesentlich eingeschränkt wurden die unkontrollierten Rechte nicht verfassungsmäßiger Organe, darunter der Partei. Die Führung Rußlands hat eine entschiedene Position zum Unionsvertrag eingenommen, wobei sie die Einheit der Sowjetunion und die Einheit Rußlands anstrebte. Unsere Position in dieser Frage ermöglichte es, die Vorbereitung des Unionsvertrages wesentlich zu beschleunigen, ihn mit allen Republiken abzustimmen und den Termin für seine Unterzeichnung festzulegen: den 20. August dieses Jahres.

Diese Entwicklung hat die reaktionären Kräfte erbittert und sie zu verantwortungslosen und abenteuerlichen Versuchen getrieben, hochkomplizierte politische und Wirtschaftsprobleme mit Gewaltmethoden zu lösen. Bereits früher waren Versuche unternommen worden, einen Umsturz vorzunehmen. Wir waren und sind der Meinung, daß Gewaltmethoden unakzeptabel sind.

Sie diskreditieren die UdSSR vor der ganzen Welt, untergraben unser Prestige in der Weltgemeinschaft und versetzen uns zurück in die Epoche des Kalten Krieges und der Isolation der Sowjetunion von der Weltgemeinschaft. All das zwingt uns dazu, das an die Macht gelangte sogenannte Komitee für ungesetzlich zu erklären. Entsprechend erklären wir alle Beschlüsse und Verfügungen dieses sogenannten Komitees für ungesetzlich.

Wir sind davon überzeugt, daß die örtlichen Machtorgane strikt den verfassungsgemäßen Gesetzeserlassen des Präsidenten der RSFSR folgen werden. Wir appellieren an die Bürger Rußlands, den Putschisten eine würdige Antwort zu geben und zu fordern, daß das Land zu einer normalen verfassungsgemäßen Entwicklung zurückkehrt. Es ist unbedingt notwendig, dem Präsidenten des Landes Gorbatschow die Möglichkeit zu gewährleisten, zum Volk zu sprechen. Wir fordern die sofortige Einberufung eines außerordentlichen Kongresses der Volksdeputierten der UdSSR.

Wir sind absolut davon überzeugt, daß unsere Landsleute es nicht zulassen werden, daß sich die Willkür und Gesetzlosigkeit der Putschisten konsolidieren kann, die jede Scham und ihr Gewissen verloren haben. Wir wenden uns an die Armeeangehörigen mit dem Appell, hohes Staatsbewußtsein zu zeigen und sich nicht an dem reaktionären Umsturz zu beteiligen. Bis zur Erfüllung dieser Forderungen rufen wir zum allgemeinen unbefristeten Generalstreik auf. Wir haben keine Zweifel, daß die Weltgemeinschaft den zynischen Versuch eines rechten Umsturzes objektiv bewerten wird.

*) Neben dem Präsidenten der Russischen Föderation Boris Jelzin unterzeichneten Iwan Silajew, Vorsitzender des Ministerrates der RSFSR, und Ruslan Chasbulatow, kommissarischer Vorsitzender des Obersten Sowjet der RSFSR, den Aufruf, der als Sonderausgabe der Zeitung "Rossija" verbreitet wurde.

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