Ausgabe April 2020

»Am deutschen Wesen«

Liberaler Imperialismus und der herrschende Rassismus

Uniformierung der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika (Brockhaus 1892)

Bild: Public Domain

Zu Beginn des Jahres sorgte der ehemalige deutsche Außenminister Sigmar Gabriel mit einem erstaunlichen Tweet für Aufsehen: „In der Welt harter Interessenpolitik erreichen manchmal die Interessenlosen mehr. Wir haben Stärkeres als Waffen & Geld: Legitimität! Wir waren nicht am Libyen-Krieg beteiligt u. nie Kolonialstaat. Gut, dass Deutschland Libyen nicht den Autokraten überlässt.“ Das Zitat zeugt von einer erstaunlichen Geschichtsvergessenheit. Bereits 1884 sah Otto von Bismarck das Deutsche Reich als „ehrlichen Makler“ in Kolonialfragen und wurde zum Gastgeber der sogenannten Kongo-Konferenz. Als auf dieser Konferenz der afrikanische Kontinent aufgeteilt wurde, erhielt das angeblich neutrale Deutschland nicht unbeträchtliche koloniale „Schutzgebiete“. Gabriel sind diese Kolonien offenbar ebenso entfallen wie die Tatsache, dass es eine spezifisch deutsche imperial-koloniale Weltanschauung gab, die ganz maßgeblich von bürgerlich-liberalen Kräften entwickelt wurde, also aus der Mitte der Gesellschaft stammt, und die die Gegenwart mit ihren rassistischen Auswüchsen bis heute entscheidend prägt.

Nimmt man diese deutsche imperiale Perspektive genauer ins Visier, lohnt es sich, von einem Zitat von Ernst Hasse aus dem Jahr 1908 auszugehen. Hasse war Militär, dann Vorstand des Statistischen Amtes in Leipzig und später dort außerordentlicher Professor unter anderem für Kolonialpolitik.

April 2020

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema