Faschismus à la Dugin | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Faschismus à la Dugin

von Andreas Umland

Während sich Wladimir Putin derzeit offenbar anschickt, das politische System Russlands ganz auf seine Person und sein baldiges Comeback zuzuschneidern, und damit den Großteil der Aufmerksamkeit vor den anstehenden Duma-Wahlen auf sich lenkt, wird der wachsende Zulauf zu rechtsextremen Positionen in der russischen Gesellschaft häufig übersehen. Das mag auch daran liegen, dass einige prominente postsowjetische Ultranationalisten es verstehen, ihre Nähe zum historischen Faschismus mit positiv belegten Selbstetikettierungen wie „Neoeurasismus“ oder „Nationalpatriotismus“ zu verschleiern.

Eine der bekanntesten Stimmen in diesem Kontext ist der Moskauer Publizist Alexander Dugin. Der 1962 geborene Gründer, Chefideologe und Vorsitzende der sogenannten Internationalen Eurasischen Bewegung verfügt über Zugang zu höchsten Regierungs- und Parlamentskreisen.1 Dabei deutete sich seine Affinität zum deutschen Nazismus bereits in seinem ersten und womöglich wichtigsten programmatischen Artikel „Der Große Krieg der Kontinente“ von 1992 an. Darin legt Dugin seine Interpretation der jüngeren Menschheitsgeschichte dar, welche von den Machenschaften der uralten geheimen Orden der „Atlantiker“ und „Eurasier“ geprägt sei, die sich seit Jahrhunderten in einem „okkulten punischen Krieg“ befänden. Innerhalb des „eurasischen“ Lagers habe es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die „roten“ und „weißen Eurasier“ gegeben, wobei Letztere in Europa dem deutschen Nationalismus nahe gestanden hätten: „Wir finden die Vertreter dieses [eurasischen] Ordens in der [Naziorganisation] Abwehr und später in den ausländischen Sektionen der SS und des SD (besonders im SD, dessen Chef Heydrich selbst ein überzeugter Eurasier war, weshalb er ein Opfer der Intrige des Atlantikers Canaris wurde).“ Der abstruse Artikel endet mit den Worten: „Schon schlägt die entscheidende Stunde Eurasiens [...]. Schon naht der Große Krieg der Kontinente sich dem Endpunkt.“2

„Da, wo es wenigstens einen Tropfen arischen Blutes [...] gibt“, schreibt Dugin 1993 in besonders offensichtlicher Anlehnung an die Ideologie der NSDAP, existiert „die Chance für ein rassisches Erwachen, für eine ‚Wiederauferstehung des arischen primordialen Bewusstseins’“.3 Er schränkt zwar – abweichend vom biologischen Rassismus der Nazis – ein, dass „die Arier ihrem Wesen nach nicht so sehr von der Biologie bestimmt [sind], als durch ihre metaphysische Mission [...]. Die arische Rasse des Subjektes ist die Rasse der nordischen Krieger-Priester.“ Nichtsdestotrotz ist das dem Arier entgegenstehende „Mensch-Tier nicht nur ein Nichtmensch (wie einfache Tiere), sondern ein Antimensch. [...] Obwohl das Wesen dieses Mensch-Objektes natürlich nicht menschlich ist, also objektiv oder antisubjektiv, imitieren seine äußeren Merkmale den menschlichen Typ und seine grundlegenden Eigenschaften. Das Mensch-Tier imitiert den Gedanken und das Wort.4

In seinem Artikel „Linker Nationalismus“ von 1992, einer ausschweifenden Apologie des russischen Faschismus, betont Dugin, dass „die Exzesse [des Faschismus] in Deutschland eine Sache ausschließlich der Deutschen und ihrer nationalen Spezifika“ sind. Doch trotz dieser und anderer Verurteilungen des deutschen Faschismus stellte der Chef- Neoeurasier in den 90ern wiederholt die Beispielfunktion des Dritten Reiches für seine Ideen heraus – wenn auch oft nur verklausuliert. In einer Sammlung seiner Aufsätze von 1994 konzipiert er einen seiner wichtigsten Leitbegriffe: die „Konservative Revolution“. Darin bekennt er sich zur nebulösen Ideologie des „Dritten Weges“ und legt diese weiter aus: „Der italienische Faschismus in seiner Frühzeit sowie während der Italienischen Sozialen Republik in Norditalien (die Republik Salo) basierte fast gänzlich auf den Prinzipien der Konservativen Revolution. Die vollständigste und totalste (wenn auch, so muss man allerdings zugeben, nicht die orthodoxeste) Verkörperung des Dritten Weges aber war der deutsche Nationalsozialismus.“ 5 In Dugins Beschwörung der „Metaphysik des Nationalbolschewismus“ mündet dieser Faschismus in eine neue Trinität: „Jenseits von ‚Rechten’ und ‚Linken’ [liegt] die einheitliche und unteilbare Revolution in der Triade ‚Drittes Rom – Drittes Reich – Dritte Internationale’.“ 6

In seinem Artikel „Faschismus – grenzenlos und rot“ sagt Dugin das Aufkommen eines „authentischen, realen, radikalen, revolutionären und konsequenten, eines faschistischen Faschismus“ für Russland vorher. Dabei sei es „völlig unberechtigt, den Faschismus eine ‚extrem rechte’ Ideologie zu nennen. Dieses Phänomen wird viel besser charakterisiert durch die paradoxe Formel ‚Konservative Revolution’“ – also jenen Begriff, mit dem Dugin sowohl seine eigene Ideologie als auch die Programmatik seiner eurasischen Bewegung fasst.7

Dass diese Stellungnahmen Dugins nicht nur leeres Gerede waren, beweisen einige seiner politischen Aktivitäten in den letzten zwei Jahrzehnten. Während er sich Ende der 80er Jahre kurzzeitig als Aktivist der monarchistisch- nationalistischen und antisemitischen Bewegung „Pamjat“ (Erinnerung) betätigte, war er im Juni 1994 an der Bildung einer Dachorganisation besonders extrem antiliberaler russischer Parteien und Gruppierungen unter dem Titel „Revolutionäre Opposition“ beteiligt. In diesem Zusammenhang ging Dugin kurzzeitig eine offizielle Allianz mit Alexander Barkaschow ein, dem Führer der manifest neonazistischen außerparlamentarischen Partei Russische Nationale Einheit, die das Hakenkreuz und den Hitlergruß verwendete.8

In einem Interview aus dem Jahre 1996 verneinte Dugin zwar, wie auch bei anderen Gelegenheiten, dass er ein „Faschist“ sei, was angesichts der negativen Konnotation des Begriffs „Faschismus“ in Russland kaum überrascht. Er räumte jedoch ein, dass er „den frühen Italofaschismus mag“ und sich „nicht scheue, dies auch zuzugeben“. Zudem gäbe es „eine Periode im [frühen] deutschen Nationalsozialismus“, die er „interessant“ fände. Dugin bezeichnet sich in diesem Interview, wie in zahlreichen späteren Stellungnahmen, als „konservativen Revolutionär“ und „Nationalbolschewiken“, also mit jenen Begriffen, die er anderer Stelle mit dem Dritten Reich in Verbindung brachte. Obwohl Dugin seit seinem Aufstieg ins politische Establishment ab 1998 derart eindeutige Stellungnahmen vermeidet, finden sich die oben zitierten und ähnliche Statements bis heute auf seinen Internetseiten.9 Einzelne Autoren, die zwar mit dem Nazismus zeitweise verbunden waren, jedoch in Russland nicht in dieser Eigenschaft oder überhaupt nicht bekannt sind, wie Carl Schmitt, Jean Thiriart oder Hermann Wirth, zitiert Dugin nach wie vor öffentlich und affirmativ.

Dugin und das Establishment

Ebenso freimütig legt Dugin die wachsende Zahl seiner Kontakte zu einflussreichen Meinungsmachern inner- wie außerhalb Russlands sowie in höchste politische Kreise bloß. 1998 wurde er für einige Jahre offizieller Berater von Gennadi Selesnjow, damals Sprecher des Unterhauses des russischen Parlaments, der Staatsduma. Heute sind einige prominente politische Figuren Russlands Mitglieder des „Höchsten Rates“ von Dugins Internationaler Eurasischer Bewegung, so unter anderem der Vizesprecher des Föderationsrates, das heißt des Oberhauses des russischen Parlaments, Alexander Torschin, sowie der Kulturminister der Russischen Föderation, Alexander Sokolow. Neben Vertretern der politischen Sphäre findet sich dort auch eine Reihe einflussreicher Persönlichkeiten aus dem akademischen und öffentlichen Leben, so etwa der Oberste Mufti der Spirituellen Verwaltung der Muslime Russlands und der europäischen Länder der GUS, Talgat Tadschuddin, der Präsident der Nationalen Assoziation der Fernseh- und Radiosender und Mitglied der Verwaltung der Russischen Akademie für Fernsehen, Eduard Sagalajew, sowie das Mitglied der Akademie der Wissenschaften der Russischen Föderation und Vizepräsident der Gesellschaft der Georgier in Russland, Sewerjan Sagarischwili. Von außerhalb Russlands hat Dugin ebenfalls einige namhafte, wenn auch weniger einflussreiche Mitglieder für seine Bewegung rekrutiert, so etwa die in der Ukraine berühmtberüchtigte Vorsitzende der sogenannten Progressiven Sozialistischen Partei, Natalja Witrenko.10

Darüber hinaus wird auf der Website der internationalen „Eurasischen Bewegung“ akribisch dokumentiert, dass Dugin heute regelmäßig für verschiedene mehr oder minder einflussreiche Printmedien schreibt und häufiger Gast in diversen politischen und kulturellen Fernsehsendungen ist.11 Circa einmal pro Woche tritt er in einem der staatlichen oder halbstaatlichen Rundfunk- oder Fernsehkanäle Russlands auf. Aufgrund seiner Eloquenz und Belesenheit hat er sich zu einem beliebten Interviewpartner russischer Journalisten entwickelt. Zählt man die Medienauftritte seiner verschiedenen politischen und intellektuellen Mitstreiter hinzu, kommt man auf eine beinahe tägliche Präsenz der „Duginisten“ in den Massenmedien Russlands. Hinzu kommt der wachsende Einfluss seiner Verschwörungstheorien etwa im Hochschulwesen, religiösen Leben oder Militär Russlands.

In den westlichen Medien hat der manifeste Extremismus Dugins und sein kontinuierlicher Zugewinn an politischem Gewicht bisher wenig Aufmerksamkeit erregt. Zwar wird zunehmend erkannt, dass in Russland „nationalistisches Denken zum Mainstream“geworden ist.12 Dennoch überwiegt etwa im Falle Dugins dessen Exotisierung als kurioser „politischer Wanderprediger“, der „ungelüftete Debatten über Geopolitik und Russlands Wiedergeburt als kontinentales Imperium“ liebe.13 Markus Mathyl kritisierte bereits 2002, dass Dugin in Deutschland manchmal als letztlich harmloser, ja „aufrichtig besorgter Bewahrer der russischen Lande porträtiert“ wird.14

Damit wird die russische Rezeption Dugins in den deutschen Medien partiell reproduziert. Obwohl es dessen profaschistische Äußerungen an Deutlichkeit nicht fehlen lassen, erscheint Dugin in Russland als seriöser Globalisierungskritiker, der mit originell klingenden (wenn auch oft nur von westlichen Intellektuellen geborgten) rhetorischen Instrumenten effektive Fundamentalkritik an der Hegemonie Amerikas nach dem Ende des Kalten Krieges übt. Die erstaunliche Erfolgsstory des Chef-Neoeurasiers kann als Symptom für den Zustand des heutigen geistigen und politischen Lebens Russlands gelten: Wenn es einem „Politikkommentator“ vom Schlage Dugins gelingt, mit seinen Ideen in die Führungsetagen zentraler Machtorgane, wesentlicher Massenmedien und Curricula renommierter Bildungseinrichtungen vorzudringen, ist es schlechter um die Zukunft des Landes bestellt, als man ohne dies hätte annehmen müssen.

1 Vgl. Katrin Bastian und Roland Götz, Unter Freunden? Die deutsch-russische Interessenallianz, in: „Blätter“, 5/2005, S. 583-592, hier S. 591 f.
2 Alexander Dugin, Konspirologija, Moskau 1992, S. 102, 131. Alle russischen Originalzitate sind nachzulesen in: Andreas Umland, Fašist li doktor Dugin? Nekotorye otvety Aleksandra Gel’evicˇa, in: „Forum.msk.ru: otkrytaja elektronnaja gazeta“, 20. Juli 2007, http://forum. msk.ru/material/society/365031.html.
3 Alexander Dugin, Giperborejskaja teorija [Hyperboräische Theorie], Moskau 1993, S. 5.
4 Ebd.
5 Alexander Dugin, Konservativnaja revoljucija [Konservative Revolution], Moskau 1994, S. 14. Auszüge unter: www.anticompromat.ru/dugin/ 3put.html.
6 Alexander Dugin, Tampliery proletariata [Die Tempelritter des Proletariats], Moskau 1997, S. 26
7 Vgl. Roger Griffin, Werner Loh und Andreas Umland (Hg.), Fascism Past and Present, West and East, Stuttgart/Hannover 2006, S. 459-499. Eine englische Übersetzung dieses Artikels in: Ebd., S. 505-510.
8 Markus Mathyl, Is Russia on the Road to Dictatorship? In: „Left Green Perspectives“, 34/1995, www.social-ecology.org/lgp/issues/lgp34.html.
9 www.arcto.ru, www.my.arcto.ru, http://evrazia. org/.
10 Vgl. Andreas Umland, Vitrenko and her flirtation with Russian „Neo-Eurasianism“, in: „Kyiv Post“, 24/2007.
11 Vgl. Andreas Umland, The Rise of Integral Anti-Americanism in Russian Mass Media and Intellectual Life, in: „e-Extreme“, 2/2006, http://webhost.ua.ac.be/extremismanddemocracy/ newsletter/Commentary7_2.htm.
12 Johannes Voswinkel, Schießübungen zum Dessert, in: „Die Zeit“, 41/2006.
13 Michael Thumann, Gesucht: Siedler für Sibirien, in: „Die Zeit“, 9/2002. Siehe jüngst auch Christoph Bertram, Wird Russland bald muslimisch? In: „Die Zeit“, 3/2007.
14 Markus Mathyl, Grenzenloses Eurasien, in: „Jungle World“, 45/2002. Vgl. auch Alexander M. Höllwerth, Das sakrale eurasische Imperium des Alexander Dugin. Eine Diskursanalyse zum postsowjetischen russischen Rechtsextremismus, Stuttgart und Hannover 2007.

(aus: »Blätter« 12/2007, Seite 1432-1435)
Themen: Russland, Europa und Rechtsradikalismus

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