Ausgabe Oktober 1991

Die Perestroika ist tot! Es lebe die Perestroika!

Die in der UdSSR mit dem Putschversuch und seinem Scheitern eingetretene Situation ist Ergebnis einer viel längeren Entwicklung und war in nahezu jeder Hinsicht absehbar. Angesichts der Tiefe der ökonomischen und ökologischen Krise, der niemals umfassend gemilderten nationalen Konfliktpotentiale sowie der wohl fast beispiellosen Erstarrung des politischen Systems war die UdSSR mit einer demokratischen Perestroika nach 1985 nicht sozialistisch reformierbar. Ich gehöre allerdings zu den Menschen, die darauf bis 1989 gehofft hatten. Es ist inzwischen gang und gäbe geworden, Gorbatschow für tausendfaches Versagen verantwortlich zu machen.

Die einen hielten ihn für den Verkäufer der DDR und entschuldigen damit die Herren Verkäufer Honecker, Mittag, Mielke und Schalck-Golodkowski sowie das eigene Versagen. Die anderen machen ihn für das Auseinanderfallen der UdSSR und ihr Ende als Supermacht verantwortlich, statt die Vorprogrammierung dieser Entwicklung in den stalinistischen Pyrrhussiegen zu suchen. Die dritten schließlich lasten ihm die Langsamkeit und Konfliktträchtigkeit des jetzigen Transformationsprozesses an und ignorieren die überfällige Notwendigkeit einer radikalen weltweiten Transformation für die Lösung oder Eindämmung existentieller Bedrohungen. Gorbatschows Zeit ist vorbei.

Oktober 1991

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