Absolutismus vs. Aufarbeitung
Als Anfang 2010 die ersten Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche bekannt wurden, war die öffentliche Empörung groß. Vonseiten der Kirche hingegen folgte jahrelanges Schweigen.
Als Anfang 2010 die ersten Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche bekannt wurden, war die öffentliche Empörung groß. Vonseiten der Kirche hingegen folgte jahrelanges Schweigen.
Als am 8. Mai dieses Jahres weißer Rauch über dem Vatikan aufstieg und zur Überraschung vieler mit Papst Leo XIV. – oder bürgerlich Robert Francis Prevost – der erste US-Amerikaner zum Papst gekürt worden war, war eines jedenfalls sofort klar: Dieser Papst ist ein direktes Vermächtnis des Pontifikats seines Vorgängers.
Am 9. September starb der wortmächtige Theologe und mutige Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer. Seit 1990 gehörte er zum Herausgeberkreis der »Blätter«. Alljährlich nahm er an unseren Herausgeberkonferenzen teil. Wir erinnern an Friedrich Schorlemmer mit einem Nachruf seiner Weggefährtin, der Journalistin Bettina Röder, sowie mit seinen eigenen Worten.
Wer es bis dahin nicht glauben wollte und der Meinung war, die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) überrage ihre katholische Schwester in Sachen Moral, wurde nun eines Besseren belehrt: Ihre Schuld ist nicht minder.
Internationale Treffen auf deutschem Boden haben ihre Tücken, wenn es darum geht, sich mit anderen Weltsichten zu konfrontieren. Das war in diesem Sommer bei der documenta zu sehen und es konnte auch bei der jüngsten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) beobachtet werden.
Die Missbrauchsskandale in der römisch-katholischen Kirche sind die Dornen in der Dornenkrone des Jesus Christus. Und sie könnten zu ihrer Apokalypse werden, zu ihrem Untergang.
Derzeit sind in beiden christlichen Konfessionen massive Radikalisierungsprozesse zu beobachten – befördert durch eine große Verschwörungserzählung.
Nordirland findet nicht zur Ruhe: Erst kam es im April zu schweren Ausschreitungen, als sich vorwiegend junge Protestanten Straßenschlachten mit der Polizei lieferten. Wenige Tage später kündigte dann Arlene Foster ihren Rücktritt als Chefin der nordirischen Regionalregierung an. Zuvor waren in ihrer eigenen Democratic Unionist Party (DUP) – der größten Partei der protestantischen, pro-britischen Unionisten – Unterschriften gesammelt worden, um ein Misstrauensvotum gegen sie zu erwirken.
Klerikaler Kindesmissbrauch ist eher ein Symptom als eine Ursache der aktuellen Kirchenkrise. Womöglich handelt es sich um viel mehr als eine innerkirchliche „Krise“, nämlich um das Ende dieser Kirche, wie wir sie kannten.
Als vor bald sechs Jahren mehrere muslimische Intellektuelle das „Muslimische Forum Deutschland“ gründeten, gehörte dazu – neben der bekannten Islamwissenschaftlerin und Autorin Lamya Kaddor (siehe deren Beiträge auf www.blaetter.de) – auch ihr Kollege, der Islamwissenschaftler und Religionspädagoge Mouhanad Khorchide.
Nach der Hinrichtung des französischen Lehrers Samuel Paty, der am 16. Oktober 2020 in einem Vorort von Paris von einem Islamisten enthauptet wurde, wie nach dem ebenfalls mutmaßlich islamistischen Anschlag in Nizza knapp zwei Wochen später mit drei Todesopfern konnte man die Wiederkehr des Immergleichen beobachten: Ungehobelte Rassisten beschuldigen den Islam, eine intrinsisch gewalttätige Religion zu sein, während die Verteidiger vom Dienst, Muslime und Nichtmuslime, ermattet hervorheben, dass „die Gewalt nichts mit dem Islam zu tun hat“.
Nichts an Weihnachten ist so heilig wie das Weihnachtsgeschäft. Zumindest jenen Politikern und Ökonomen, die zuhauf vor der Horrorvision des Dezember-Lockdowns erstarren.
Im Jahr 1994 veröffentlichte der Vorsitzende der Socialist Workers Party, einer winzigen, der Vierten Internationalen zugehörigen britischen Partei, einen langen Artikel mit dem Titel „Der Prophet und das Proletariat“.[1] Er plädiert darin für ein Bündnis von radikalen linken und muslimischen Verbänden, die man seiner Ansicht nach zu Unrecht als rückschrittlich erachtete. Die der Herde verlorengegangenen Schafe des Islams sollten im Dienste der einzig würdigen Sache mobilisiert werden: der Zerstörung des Kapitalismus.
Kurz vor dem Corona-Lockdown gab es am 13. März eine fast schon historisch zu nennende Stunde in der Bundespressekonferenz: Drei Oppositionsparteien im Bund – Grüne, FDP und die Linke – legten den Entwurf eines Grundsätzegesetzes zur Ablösung der Staatsleistungen[1] vor.
In Corona-Zeiten blühen auch die schönsten Sumpfblüten. Allein wie die „Bild“-Zeitung sich zum Hüter der Religionsfreiheit aufschwingt, ist aller Ehren und schon fast eine kleine Krise wert. Ansonsten nicht gerade bekannt für pietätvollen Umgang mit menschlichen Schicksalen, schlägt sich das Gossenblatt jetzt für den sonntäglichen Kirchgang in die Bresche.
Vor 75 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer, einer der bekanntesten Angehörigen des deutschen Widerstands, von den Nazis ermordet. Er war überzeugt: Ein gläubiger Christ muss staatlichem Unrecht direkt in den Arm fallen.
Eines der letzten politischen Projekte der ehemaligen österreichischen Bundesregierung aus ÖVP und FPÖ bestand darin, Grundschülerinnen bis zur Vollendung des zehnten Lebensjahres das Tragen eines Kopftuchs zu verbieten. Doch aufgrund des vorzeitigen Regierungsendes infolge der Ibiza-Affäre war die Zukunft dieses Projekts plötzlich wieder offen.
Mit dem »Super Tuesday« am 3. März treten die Vorwahlen der US-Demokraten in die entscheidende Phase ein. Überraschend geht dabei neben Bernie Sanders nach ersten starken Ergebnissen auch Pete Buttigieg als Favorit ins Rennen. Wer aber ist überhaupt in der Lage, die USA und die Welt vor weiteren vier Jahren unter Donald Trump zu bewahren? Dem widmen sich die Beiträge von James K. Galbraith (zu Sanders‘ Wirtschaftsprogramm), Claus Leggewie (zur Rolle der Religion im Wahlkampf) und Paul M. Renfro, dessen Text zur Strategie von Buttigieg auch zeigt, wie erbittert die parteiinterne Debatte inzwischen geführt wird.
Wenn zu Beginn der 20er Jahre des einundzwanzigsten Jahrhunderts der 1929 geborene Jürgen Habermas mit „Auch eine Geschichte der Philosophie“ ein voluminöses Werk von über 1700 Seiten vorlegt, dann ist das zugleich weniger und mehr als die Summe seines bisherigen Schaffens.[1] Weniger, weil Habermas keineswegs all das referiert, was er seit seinen ersten bahnbrechenden Publikationen, etwa dem „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962), „Erkenntnis und Interesse“ (1968) sowie der bisher als systematisches Hauptwerk geltenden „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) publiziert hat; mehr,
Die Initiative Maria 2.0 will in der katholischen Kirche das Unterste zu oberst kehren. Die Aktivistinnen wissen: An der Frauenfrage hängt die Reform der Kirche. Und ihre Lösung bedeutet den Untergang der alten katholischen Welt – und markiert den Aufbruch in eine neue Zeit.
Die Zentrale der Igreja Universal do Reino de Deus, der Universalkirche des Gottesreiches (IURD) hat wenig Ähnlichkeit mit den Megakirchen nordamerikanischen Typs. Ihre 18 Stockwerke stellen die großen Kästen, die man aus Vororten amerikanischer Großstädte, etwa in Texas oder Missouri, kennt, bei weitem in den Schatten.
In der Januar-Ausgabe rekonstruierte „Blätter“-Mitherausgeber Micha Brumlik die israelische Staatsgeschichte und übte dabei auch Kritik an Vertretern der evangelischen Kirche. Darauf erwidert der Politikwissenschaftler Sebastian Wolf.
Nach dem Amtsantritt des neuen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro wächst die Angst um die Demokratie im größten Flächenstaat Lateinamerikas.
Bei der Frage nach der Vereinbarkeit von Islam, Pluralismus und Demokratie wird oft auf Indonesien verwiesen.[1] Das südasiatische Land hat weltweit die größte muslimische Bevölkerung: Etwa 210 Millionen der über 240 Millionen Einwohner bekennen sich zum Islam.
Dass der Staat Israel im vergangenen Jahr seinen 70. Geburtstag feiern durfte, ist zunächst als Glücksfall zu betrachten. Die Deklaration des Staates am 14. Mai 1948 – nach jüdischer Zeitzählung am 5. Ijar 5708 – war das Ergebnis und der Endpunkt einer langen, leidvollen Geschichte. Doch die Freude über diesen Festtag war im Land selbst getrübt.